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Dez072018

D&D - Interview mit Redakteur Mirko Bader

Vor genau zwei Jahren begann Mirko Bader in seiner Funktion als Redakteur für den Non-DSA-Bereich (sprich: alle Spielsysteme außerhalb von Das Schwarze Auge) mit der Arbeit an der deutschen Fassung von Dungeons & Dragons, 5. Edition. Aus diesem Anlass haben wir dieses Interview geführt. Wir wollen euch über den aktuellen Stand informieren, aber auch Punkte ansprechen, die immer wieder von der Fangemeinschaft nachgefragt werden.

Philipp: Hallo Mirko. Nach zwei Jahren Arbeit an D&D – macht dir der Job immer noch Spaß?

Mirko: Definitiv ja! Das mag daran liegen, dass ich eingefleischter D&D-Fan bin. Seit den späten 90er Jahren, damals noch mit AD&D, habe ich mich immer wieder mit dem Spiel beschäftigt. Und es macht immer noch Spaß.

Philipp: Das heißt, du spielst es heute noch selbst?

Mirko: Leider komme ich aufgrund meiner Beschäftigung mit so vielen Spielsystemen nicht häufig dazu, aber immerhin habe ich das grandiose Abenteuer „Mine von Phandelver“ aus dem Einsteigerset durchgespielt und trage mich mit dem Gedanken, das Grabmal der Vernichtung zu leiten.

Philipp: In zwei Jahren hat sich vieles getan; viele neue Bücher und Produkte kamen auf den Markt. Wie hat sich D&D in Deutschland entwickelt?

Mirko: Mit einem Wort: bombig! Man muss bedenken: Als wir Ende 2016 mit D&D begannen, war nicht klar, wie viele Spieler wir damit erreichen würden. Das englische Original von D&D war bereits einige Jahre auf dem Markt. Wir mussten annehmen, dass alteingesessene Fans die Originalversion bereits hatten. Es war unmöglich, abzuschätzen, wie D&D auf dem deutschen Markt ankommen würde. Inzwischen wissen wir: Es ist ein wahrer D&D-Hype in Deutschland ausgebrochen.

Philipp: Dabei ist die rechtliche Situation nicht ganz einfach. Kannst du kurz erklären, welche Rolle Ulisses in dem Gefüge aus Lizenzen und Rechten einnimmt?

Mirko: Inhaber aller Recht und somit quasi „Besitzer“ des Spiels ist die Firma Wizards of the Coast (kurz: WotC). Jedoch haben die Wizards kein Interesse gezeigt, die Bücher in andere Sprachen zu übersetzen. Hier ist das Unternehmen Gale Force 9 (GF9) eingesprungen. GF9 hat das alleinige Recht, die Bücher in andere Sprachen zu übersetzen. Für den deutschsprachigen Markt kommen wir ins Spiel: Wir kümmern uns um die Übersetzung und dürfen die deutschen Bücher im Auftrag von GF9 auf den Markt bringen. Aber wir haben keine offizielle Lizenz von WotC – das sieht man schon daran, dass der grüne Ulisses-Ball auf dem Cover fehlt. So haben wir auch kein Recht, den Preis eines Produkts festzulegen. Genauso wenig bestimmen wir, wo und wann ein Buch gedruckt wird. Dies ist eine der Erklärungen dafür, dass die Erscheinungstermine von D&D Büchern schwer vorhersagbar sind.

Philipp: Das heißt, du hast in erster Linie mit GF9 zu tun. Wie läuft denn die Zusammenarbeit?

Mirko: Inzwischen läuft es rund. Vieles hat sich über die Monate eingespielt. Man muss bedenken, dass jede „Partei“ verschiedene Anforderungen hat. Wir als „Übersetzerfirma“ versuchen, ein Produkt so fehlerfrei wie möglich zu machen. D.h. dass der übersetzte Text nochmal lektoriert und korrigiert wird. Er wird von uns layoutet und anschließend noch einmal geprüft. Das kann sich Monate hinziehen. GF9 muss hingegen Termine einhalten, vor allem mit der Druckerei.

Philipp: Das bedeutet, du musst das Tempo manchmal anziehen?

Mirko: Sagen wir es so: Wir haben gelernt, besser miteinander zu kommunizieren, dass sowohl die Qualität bedacht wird als auch die Termine eingehalten werden können. Ich gebe zu, das ist manchmal schwierig. Und manchmal kommt es auch zu Fehlern. Die sind bei einer Erstauflage aber nie zu 100 Prozent zu vermeiden – egal wie viel Zeit man hat. Zum Glück hilft mir hier oft mein D&D-Hintergrundwissen. Ein Beispiel: In der ersten Übersetzung vom Monster Manual waren die Fomorianer aus Versehen als Fomorer übersetzt worden. Nun gibt es aber auch eine Rasse von Insektoiden namens Fomorer. Das konnte ich glücklicherweise noch beheben.

Philipp: Ist dadurch auch zu erklären, warum es in einigen Büchern oder dem Einsteigerset Niewinter heißt, in anderen Neverwinter, oder Tiefwasser und Waterdeep?

Mirko: Das ist eine ganz andere und leider extrem schwierige Sachlage. Wir hatten anfangs keinerlei Einschränkungen oder Richtlinien in Bezug auf die Übersetzung, also haben alle Beteiligten versucht, für jeden Begriff die geläufige alte, deutsche Übersetzung zu wählen. D&D erscheint ja nun schon seit vielen Jahren in verschiedenen Auflagen auf dem deutschen Markt, und so haben sich Begriffe wie „Vergessene Reiche“, „Tiefwasser“ oder „Niewinter“ etabliert. Zu einem späteren Zeitpunkt (die ersten Bücher waren bereits gedruckt), mahnte WotC an, dass bestimmte ikonische Namen nicht übersetzt werden dürften. Auf Betreiben von GF9 erhielten wir schließlich eine Liste mit etwa acht Namen, darunter Waterdeep, Neverwinter, Undermountain, Laeral Silverhand etc., die so bleiben mussten. Ab dieser Stelle konnten wir es eigentlich nur noch falsch machen.

Philipp: Das musst du genauer erklären.

Mirko: Ein Beispiel: Du hast diese große Karte von Faerun vor dir liegen und musst eine Handvoll Stadtnamen ändern. Dann fragst du dich natürlich, was machst du mit den anderen Namen? Sie alle im Original belassen, würde bedeuten, die komplette deutsche Tradition von D&D mit Füßen zu treten. Ich glaube, viele der älteren Spieler hätten uns das sehr übel genommen. Und es würde auch sehr seltsam klingen, etwa: „In den Forgotten Realms liegt die Stadt Silverymoon am Rande der Evermoors und nahe dem River Rauvin.“ Nee. Doch was machst du mit Namen, die einen ikonischen Charakter haben, aber nicht auf WotCs Liste stehen? Baldurs Gate zum Beispiel. Wir haben es von Anfang an als Baldurs Tor übersetzt und keinen Widerspruch erhalten. Man darf sich aber durchaus die Frage stellen, ob Baldurs Tor noch Sinn ergibt, wenn andere bekannte Städte wie Waterdeep oder Neverwinter im Original bleiben müssen.

Philipp: Wie habt ihr euch entschieden?

Mirko: Wie gesagt: Wir können es nur falsch machen. Wir werden aber Baldurs Tor in Baldurs Gate umbenennen. Freiwillig. Aus Fürst Nieglut machen wir Neverember. Nieglut hätte Sinn ergeben, wenn die Stadt weiterhin Niewinter hätte heißen dürfen. Der Witz ist hier, dass die Vorsilbe identisch ist. Als wir Niewinter kurz vor Drucklegung vom „Abenteurerhandbuch für die Schwertküste“ in Neverember umtaufen mussten, blieb leider keine Zeit, auch alle Auswirkungen zu bedenken und alles anzupassen. Nieglut war obsolet, stand aber noch im Buch.

Philipp: Das heißt, dass von jetzt an alle neuen Begriffe gelten?

Mirko: „Von jetzt an“ ist ein schwieriger Terminus. Du musst bedenken, dass wir ja nicht ein Buch nach dem anderen produzieren, sondern immer mehrere gleichzeitig in der Pipeline haben oder in einer Warteschlange stecken. Es kann sein, dass wir in einem Buch noch alte Schreibweisen haben, während es in anderen schon verändert wurde. Das ist nicht schön, aber leider nicht zu vermeiden.

Philipp: Mehrere Bücher in der Pipeline – das klingt spannend. Was kommt denn als nächstes?

Mirko: Gerade ist Xanathars Ratgeber für Alles angeliefert worden und geht in Kürze an die Vorbesteller bzw. in den Handel, es sollte noch vor Weihnachten erhältlich sein. Volos Almanach der Monster wird derzeit von WotC abgenommen, will heißen: die prüfen, ob alles korrekt ist. Falls hier keine größeren Änderungen mehr zu machen sind, wird GF9 es bald in Druck geben. Mit Freude kann ich sagen, dass auch das neue Waterdeep-Abenteuer übersetzt, lektoriert, korrigiert und layoutet wurde.

Philipp: Du meinst Waterdeep – Dragon Heist? Wie wird es heißen im Deutschen?

Mirko: Unser Vorschlag ist „Waterdeep – Drachenraub“. Aber wir sind hier vorsichtig geworden; gut möglich, dass WotC den Titel ablehnt und ändert. Wir machen nur Vorschläge.

Philipp: Und was steht sonst noch an?

Mirko: Vieles! In jedem Fall versuchen wir, die jeweils aktuellsten Titel mit Priorität zu übersetzen. Derzeit ist unser Übersetzer Daniel schon schwer mit „Water Deep – Dungeon of the Mad Mage“ beschäftigt (Arbeitstitel: Verließ des verrückten Magiers). Aber nebenbei sind auch ältere Titel in Arbeit, wie z.B. Hoard of the Dragon Queen und Curse of Strahd. Nebenbei natürlich auch immer wieder Neuauflagen vergriffener Bücher. Das Monster Manual und das Dungeon Master’s Guide gehen inzwischen in die dritte Auflage, das Player’s Handbook bald schon in die vierte, auch das Starter Set wird immer wieder nachgedruckt.

Philipp: D&D besteht aber nicht nur aus Büchern. Wie sieht es mit anderen Produkten aus?

Mirko: Weil D&D auch in Deutschland prächtig läuft, haben wir uns entschlossen, viele Zusatzprodukte nach und nach auf den Markt zu bringen. Dazu zählen beispielsweise die Zauberkarten für Xanathar, die Karten für magische Gegenstände und Monster, aber auch SL-Schirme z. B. für Dragon Heist. Gemeinsam mit GF9 wollen wir auch deren großformatige, hochwertige Stadtpläne eindeutschen. So wird es die Waterdeep-Karte in toller Aufmachen geben, abgerundet durch ein Kartenset der Waterdeeper Viertel. Auch die Karte für Chult (für Grabmal der Vernichtung) soll in dieser hochwertigen Form kommen.

Philipp: Wow. Das sind gute Neuigkeiten.

Mirko: Mit Sicherheit! Und die werden so schnell nicht abreißen. Wir werden auch die nächsten Jahre am Ball bleiben. Für das kommende Jahr sind von WotC neue Bücher angekündigt, die wir beizeiten ebenfalls übersetzen.

Philipp: Interessant. Kannst du uns dazu mehr verraten?

Mirko: Würde ich gerne - wenn ich etwas wüsste. Derzeit sind mir noch nicht einmal Arbeitstitel bekannt. Die Zukunft bleibt also auch für mich spannend. Eventuell wird es sogar, wenn die Fans es wollen, Übersetzungen von D&D Büchern anderer Verlage geben.

Philipp: Wir bedanken uns für das Gespräch und die vielen tollen News!