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Aug232014

Neue Kurzgeschichte zur Zwölfgöttertjoste

Im nächsten Aventurischen Boten (Ausgabe 167) geben wir die Gewinner unseres Kurzgeschichtenwettbewerbs zur Zwölfgöttertjoste bekannt. Um euch die Wartezeit bis dahin ein wenig zu vertreiben, haben wir nach der Kurzgeschichte von Katja Reinwald an diesem Wochenende eine neue Erzählung für euch. Mike Krzywik-Groß,bekannt durch seine Beiträge in Das Echo der Tiefe, Schattenlichter und natürlich seine Mortis-Trilogie ist auch was den Aventurischen Boten angeht ein Wiederholungstäter. Mike sitzt ebenfalls in der Wettbewerbs-Jury und hat für euch seine Eindrücke der Tjoste zu Papier gebracht.

 

 

Altes Eisen

eine Kurzgeschichte von Mike Krzywik-Groß
 

Wulf schnaufte, als er zu einem weiteren Hieb ausholte. Die Wucht des Zweihänders zog ihn nach vorne und ließ ihn fast stürzen. Der alte Mann war erleichtert, als der Widerstand der parierenden Waffe seinen Schlag jäh stoppte. Es war ihm egal, dass er keinen Treffer anbringen konnte. Hauptsache er stürzte nicht.
Bei Rondra, das wäre das Schlimmste! Er wollte sein letztes Turnier nicht mit Schlamm im Gesicht beenden.
Wulfs Pumpe arbeitete wie die Mühle an einem rasenden Strom, um das Blut angemessen durch seine Adern zu drücken. Sein Kopf war puterrot und seine Finger zitterten um den Griff des Zweihänders, den er mit erneutem Schwung nach oben wuchtete. Das Metall seines Kettenzeugs wog schwerer auf seinen Schultern als dies noch in den Jahren Kaiser Retos der Fall war. In Zeiten als seine Heimat noch frei war.
Ein Stich fuhr in seine Brust. Zuerst befürchtete der alte Recke, dass sein Herz nach einem letzten Aufbäumen schlappmachte und in einer finalen Kontraktion erschlaffte. Aber es war die Erinnerung an das geliebte Tobrien, die so sehr schmerzte. Voller Wut schlug er zu. Das Schwert verfehlte sein Ziel und trat tief in den Boden ein, während seine Gegnerin behände auswich.
»Kleine Kröte«, knurrte er. »Dein Großvater, dieser verlauste Answinist, war genauso ein Hasenfuß wie du.«
Wulf hatte Hoffnung Praihild Greifax zu einem unüberlegten Ausfall provozieren zu können. Ihr einen Deut taktischer Disziplin abzuringen, um die vierzig Jahre Altersunterschied zwischen ihnen etwas wettzumachen. Doch die Ritterin ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Praihild wollte ihn in einem lange andauernden Zweikampf ermüden, bis seine alten Knochen nachgaben. Tiefes Donnergrollen zog über Perricum.
»So nicht, meine Dame!« Wulf warf sich nach vorne, beschrieb mit dem Zweihänder einen weiten Kreis, doch darauf hatte sie nur gewartet. Ihr Kriegshammer vollzog einen tiefen Bogen und zielte auf seine Beine. Er sah das Unheil kommen, nutzte den Schwung des Angriffs und gab seinen sicheren Stand auf. Die Wucht des Zweihänders riss ihn von den Beinen und zog ihn zur Seite. Der Hammerkopf verfehlte sein Knie um einen Finger breit, während Wulf der Länge nach in den Matsch geschleudert wurde.
Nun also doch.
Beseelt vom rondrianischen Ideal hielt sich die Ritterin huldvoll zurück, bis er seinen alten Körper aus dem Dreck gehievt hatte. Er hörte seine Gelenke förmlich knirschen. Sein Atem rasselte laut, während sein Kreuz schmerzte. In den Reihen der Umstehenden erklang kein Laut, als er mit matschverschmierten Gesicht die Zuschauer der Zwölfgöttertjoste unheilvoll musterte. Niemand traute sich, zu lachen. Ob es an dem Respekt vor einem alten Kämpen lag oder die wahrlich götterfürchtige Stimmung der letzten Tage die Menschen zur Zurückhaltung führte, wusste Wulf von Sturmfels nicht. Er selbst schrieb es seinem drohenden Blicke zu, der schon seit fünfzig Jahren seine Gegner erzittern ließ.

Ein Knabe kam auf das Turnierfeld gelaufen. Seine Kleider wiesen ihn als Novizen der Leuin aus, in seiner Hand hielt er einen Stofflappen. Wulf nickte knapp und der Junge wischte den Schlamm aus dem Gesicht des Mannes. Er wandte sich der greifaxischen Ritterin zu. »Muss eine Wurzel gewesen sein, über die ich gestolpert bin. Und jetzt lass uns die Spielereien beenden, damit ich endlich pissen gehen kann.«
Er zog grimmig die Augenbrauen unter dem Flügelhelm zusammen und machte einen entschlossenen Schritt nach vorn. Der Regen setzte wieder ein.
Ein ungestümer Hieb ließ Ritterin Greifax nach hinten weichen. Behände machte sie einen Schritt zur Seite und attackierte Wulf über die rechte Flanke. Er überlegte noch, sie mit den schwarzmagischen Umtrieben ihrer Gratenfelser Familie zu reizen, als ein plötzlicher Ausfall Praihilds seine ganze Aufmerksamkeit einforderte. Hieb um Hieb des Hammers donnerte immer knapper werdend an ihm vorbei. Wulf musste sein ganzes Können in die Waagschale werfen, um dem entscheidenden Treffer zu entgehen.
Da sah er eine Lücke in der Verteidigung seiner Gegenüber. Er wuchtete den Bidenhänder in die Höhe, holte weit über seine Schulter hinweg aus, sodass seine Muskeln ein verächtliches Stöhnen abgaben. Gerade wollte Praihild Greifax mit dem finalen Schlag die Beine unter dem Körper wegschlagen, als ein gezackter Blitz den dunklen Himmel teilte. Einem göttlichen Fingerzeig gleich, fuhr die Naturgewalt mit ohrenbetäubenden Tosen nieder und schlug unweit des Kampfplatzes in einen freistehenden Findling ein. Die Menge stöhnte auf und viele sahen sich erschrocken um. Die Luft selbst schien zu flackern und Wulf spürte, wie sich die Haare auf seinem Unterarm aufstellten.
O Göttin, war das ein Zeichen? Der Fels, Teil meines Familienwappens, vom Blitze getroffen?
Mit offenem Mund hielt der alte Recke inne. Das Gefühl von erhabener Entrückung erfüllte seinen Geist. Ein Lächeln zierte sein Gesicht in dem Moment, als der Kriegshammer Praihild Greifax gegen seinen Helm donnerte, den linken Flügel zertrümmerte und Wulf wie einen gefällten Baum zu Boden schickte.

»Und die Siegerin der Ersten Runde im Kampf mit zwei Händen ist Rittern Praihild Greifax«, erklang eine Stimme. »Die Leuin ist mein Schild«, antwortete die Frau. Unter dem Schleier nahender Bewusstlosigkeit sah Wulf, wie das Gewitter getragen von schnellziehenden Wolken weiter zog. Nach Norden. Nach Tobrien ...
»Ich werde folgen.«