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Aug112015

Bernd Perplies im Interview - Die Kanonen von Thunder Rock

Interview: Bernd Perplies zu Die Kanonen von Thunder Rock

1. Wie sah deine erste Begegnung mit „BattleTech“ aus?

Ganz genau weiß ich das gar nicht mehr. Es trug sich wohl Ende der 1980er zu, dass ich in unserem Fantasy-Laden in Wiesbaden nach der Schule über diese Spielbox mit einem gewaltigen stahlblauen Roboter stolperte, die „Kampfkolosse des 4. Jahrtausends“ versprach. Obwohl damals für mich nicht billig, habe ich als alter Science-Fiction-Fan mein Taschengeld zusammengekratzt und die Box gekauft. Das war der Beginn einer mehrjährigen Begeisterung, die auch ein paar Freunde von mir erfasste. Wir kauften uns Zinn-Figuren (jeder natürlich nur eine Handvoll, mehr konnten wir uns nicht leisten), lasen die Heyne-Romane, einer der anderen erwarb dann „City Tech“, ich etwas später das für uns unspielbare „Astro Tech“ und schließlich landeten wir bei „MechKrieger“, dem Rollenspiel. Der Versuch einer epischen Kampagne, die eine Planeten-Invasion durchspielen sollte, ging dann spektakulär in die Hose und markierte letztlich den Endpunkt meiner sehr aktiven „BattleTech“-Zeit.

 

2. Und wie kam es zu „Die Kanonen von Thunder Rock“?

Auch nach dem Ende meiner Zeit als regelmäßiger Spieler, habe ich der „BattleTech“-Welt nie ganz den Rücken gekehrt. Ich wurde zum Leser und Sammler, übrigens ein Umstand, den auch „MechWarrior Dark Age“ nur ganz kurz ändern konnte. Je mehr Romane ich las, desto mehr reifte der Wunsch in mir, selbst etwas zu diesem fantastischen Universum beizutragen. Ich habe schon immer gerne geschrieben, mir Geschichten ausgedacht, doch über ein paar angefangene Seiten, die natürlich von unserer Rollenspiel-Söldertruppe handelten, kam ich damals nicht hinaus. Jahre später begann ich meine Laufbahn als Autor, lernte, richtig lange Geschichten zu erzählen, ihnen Struktur zu geben, sie komplexer zu gestalten. Ich war mit meiner Fantasy erfolgreich. Und auf einmal ergab sich Ende 2012 diese Gelegenheit: Bei einem Phantasten-Stammtisch in Mainz lernte ich Mario Truant kennen und fragte ihn, der zu dem Zeitpunkt für die deutsche „BattleTech“-Linie bei Ulisses Spiele verantwortlich war, ob ich nicht auch mal einen Roman beisteuern könnte. Wir blieben in Kontakt, wechselten E-Mails, dann übernahm Michael Mingers. Und auf einmal hielt ich einen unterschriebenen Vertrag in der Hand, hatte ein abgenicktes Exposé auf dem Tisch und war bereit, das Abenteuer zu beginnen.

 

3. In ein paar Sätzen: Worum geht es?

Die Geschichte basiert auf einem kurzen Eintrag in dem alten „BattleTech“-Quellenbuch „N.A.I.S. – The Fourth Succession War Military Atlas Vol 1 – August 3028-January 3029“. Dort wird – im Rahmen des ersten Welle der Operation Ratte, also der geplanten Eroberung der Konföderation Capella durch die Vereinigten Sonnen – der Angriff auf die Welt Pleione beschrieben, auf der sich ein deutlich überlegenes Davion-Söldnerheer an einer kleinen capellanischen Garnisonseinheit, die sich in einer alten Sternenbund-Festung eingeigelt hat, beinahe die Zähne ausbeißt. Diesen ungleichen Konflikt wollte ich gerne näher beleuchten. Und so erleben wir, aus zwei Perspektiven geschildert, den Kampf von fünf Regimentern der Screaming Eagles unter Colonel Walther Hokala gegen ein Bataillon von McCrimmon’s Light Cavalry unter Major Emile Loo.

4. Der Vierte Nachfolgekrieg ist ja mittlerweile längst nicht mehr aktuell. Statt im Jahr 3028 treiben sich Autoren und Macher in den USA irgendwo zwischen 3080 und 3150 herum. Warum hast du diese frühe Epoche gewählt?

Ich verstehe, warum sich ein Universum in 30 Jahren immer weiter entwickeln muss. Die Clans, der Jihad, der Zusammenbruch der Inneren Sphäre und das Dark Age – das alles war wichtig, um „BattleTech“ lebendig zu halten (und um Unmengen „Technical Readouts“ und Zinn-Figuren produzieren zu können). Dennoch – und das mag pure Nostalgie sein – war für mich „BattleTech“ am reinsten, als der Weltraum noch dreckig, Hochtechnologie noch rar und die Ressourcen der großen Häuser begrenzt waren, also in der Zeit der 3020er. Abgesehen davon marschierten damals einfach ikonische Maschinen über die Schlachtfelder, etwa der Shadow Hawk, der Marauder und der Warhammer, die den Leuten – und mir – ans Herz gewachsen sind. Diese Atmosphäre, diese Mechs wollte ich gerne einmal mehr zum Leben erwecken, und ich hoffe, dass auch Fans, die etwa durch die MWDA-Romane abgeschreckt wurden, mit diesem Buch mal wieder zu einem „BattleTech“-Roman greifen.

 

5. Deutsche „BattleTech“-Romane gelten ja nicht als Kanon-Material, sondern laufen – da immerhin offizielle Lizenzprodukte und keine Fanware – unter dem Schlagwort „Apokryphen“, d.h. solange sie dem in den USA produzierten Material nicht widersprechen, gilt ihr Inhalt als „Semi-Kanon“. Hat dieses Wissen deine Arbeit am Text beeinflusst?

Durchaus. Es war mir wichtig, möglichst ein Buch zu schreiben, das sich nahtlos in den bestehenden Kanon einfügt. Daher habe ich eine kleine, unbekannte Episode in einem großen, bekannten Konflikt als Thema gewählt. So hat „Die Kanonen von Thunder Rock“ als Ausformulierung eines kanonischen Ereignisses (des Kampfs um Pleione) hoffentlich genug Relevanz, um für die Leser interessant zu sein, ohne dabei Gefahr zu laufen, durch US-Texte in absehbarer Zeit negiert zu werden.

 

6. „BattleTech“ existiert seit mehr als 30 Jahren und es gibt Unmengen an Quellenmaterial. Wie intensiv lief deine Recherchearbeit?

Es war arbeitsaufwändig, keine Frage! Zu meinem Vorteil beziehen sich sehr viele Quellenbücher auf spätere Epochen, sodass ich diese weitgehend ignorieren konnte. Aber auch das Material über die Zeit rund um den Vierten Nachfolgekrieg war manchmal erdrückend. Trotzdem habe ich mich so gut es ging durchgekämpft, denn es war mir wichtig, einen möglichst stimmigen Roman abzuliefern. Neben dem genannten „Military Atlas“ war mir dabei vor allem die „Warrior“-Trilogie von Michael A. Stackpole eine wichtige Informationsquelle, denn Stackpole hat in den Romanen „En Garde“, „Riposte“ und „Coupé“ damals als erster die Geschehnisse rund um den Ausbruch des Vierten Nachfolgekriegs geschildert. Weitere wichtige Quellen waren unter anderem das Buch „House Liao (The Capellan Confederation)“, das alte „BattleTech Hardware-Handbuch 3025“, das „Raumfahrthandbuch“, das „Handbook: House Davion“ und – als schneller Ausgangspunkt jeder weitergehenden Suche – das fantastische „BattleTech“-Wiki Sarna.net. Außerdem gebühren „BattleTech“-Kenner Matthias Hess und der Community des Forums von bg.battletech.com Dank, die auf Detailfragen schnell und mitunter erstaunlich ausführlich zu antworten wussten.

7. Mal etwas allgemeiner: „BattleTech“ ist ein Universum voller Politik, Bündnisse und Intrigen. Welche Fraktion gefällt dir am Besten?

Als ich mit „BattleTech“ begann, hat Haus Steiner den meisten Eindruck bei mir hinterlassen. Irgendwie hat mich das Emblem mit der Eisenfaust beeindruckt, außerdem fand ich das Wort „Archon“ für die Herrscherin Katrina Steiner fantastisch. He, ich war zwölf! Im Laufe der Jahre haben es die US-Autoren dann durch konstante Propaganda geschafft, dass Haus Davion mein Favorit wurde. Allerdings gefällt mir Steiner nach wie vor. Auf einer poetischen Ebene finde ich obendrein die ganze Tragik des ständig zerfallenden Haus Marik sehr reizvoll.

 

8. Auf der anderen Seite geht es bei „BattleTech“ auch ganz gradlinig um Gefechte zwischen meterhohen Kampfkolossen. Welche Maschinen sind deine Favoriten?

Schwer zu beantworten. Es gibt so viele verschiedene Mechs. Der klassische Shadow Hawk hat in jedem Fall einen großen Eindruck seinerzeit auf mich gemacht. Außerdem gefiel mir, aus welchem Grund auch immer, der Zeus, obwohl er weiß Gott nicht zu den kampfstärksten Mechs seiner Klasse zählt. Heute weiß ich den Victor zu schätzen, einfach eine verdammt coole Maschine. Visuell gefällt mir auch der Mad Cat sehr gut, obschon ich nie mit ihm gespielt habe. Ansonsten – und ebenfalls rein von der Optik her – finde ich den alten BattleMaster und den Stone Rhino echt schick. Hm, wie es aussieht, habe ich ein Faible für schwere Kaliber.

 

9. Dürfen wir uns in absehbarer Zukunft über weitere „BattleTech“-Romane aus deiner Feder freuen?

Mal schauen. Ich muss gestehen, dass ich Blut geleckt habe. Es hat einen Riesenspaß gemacht, im Universum von „BattleTech“ zu spielen. Aber es stehen noch viele andere spannende Projekte in meiner Pipeline als Autor, die auch geschrieben werden wollen. Nichtsdestotrotz bleibe ich mit Ulisses natürlich in engem Kontakt. Vielleicht ergibt sich ja mal wieder eine Gelegenheit.