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Okt202017

Warum immer wieder Al’Anfa?

Mit Rabenerbe erscheint demnächst der Auftaktroman zu einem Zweiteiler, der die Leser in den Tiefen Süden Aventuriens entführt. Autorin Heike Wolf erzählt, warum es ihr ausgerechnet die Schwarze Perle Al’Anfa angetan hat, und gibt einen ersten Ausblick auf ihr neustes Werk.

„Weil ich nicht davon lassen kann“, wäre die einfache Antwort. Die komplizierte ist, dass ich eine spezielle Vorliebe für graue Settings habe, in denen es nicht nur strahlende Überhelden und finstere Schurken gibt, die sich Harhar-murmelnd die klauenbewehrten Hände reiben, sondern Fragen der Moral durchaus flexibel gehandhabt werden.

Al’Anfa ist ein solch graues Setting und sicher eine Stadt, die polarisiert. Inneraventurisch zeigt sich das bereits an der Terminologie, wenn man je nach Standpunkt von der „Perle“ oder der „Pestbeule“ des Südens spricht. Mich fasziniert diese Ambivalenz und das Nebeneinander von unermesslichem Reichtum auf der einen und unsäglichem Elend auf der anderen Seite. Al’Anfa ist dekadent und gnadenlos, im Grunde ein Musterbeispiel für einen bis über die Grenzen hinaus getriebenen, grausamen Kapitalismus, in dem Mitgefühl zur Schwäche wird. Im Gegensatz zu anderen Reichen Aventuriens gibt es keinen echten Adel. Macht basiert allein auf Reichtum, Einfluss und dem unbedingten Willen, Konkurrenten und andere Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

„Blut ist hilfreich, aber es ist nicht alles“, sagt Shantalla Karinor an einer Stelle des Romans, und das trifft für Al’Anfa mehr als für jedes andere Setting in Aventurien zu. Die seidenen Laken einer Grandenwiege bieten ideale Startbedingungen, aber wer nicht stark und skrupellos genug ist, sich in der Viperngrube zu behaupten, landet schneller bei Boron, als ihm lieb ist. Umgekehrt steht der Aufstieg jedem offen, der bereit ist, selbst zur Viper zu werden und sich auf das brutale Spiel einzulassen.

Mir ist es ein Anliegen, Al’Anfa in dieser Ambivalenz zu zeigen, mit seinen Möglichkeiten, seinem Reichtum, seiner Pracht und Dekadenz – aber auch mit seinen Abgründen und seiner Erbarmungslosigkeit, der ein Menschenleben nichts zählt. Damit ist der Roman um einiges härter und düsterer geworden als im ersten Anlauf angedacht, doch das hat dem Buch sicher nicht geschadet.

Inhaltlich geht es um die Kriegsvorbereitungen im Vorfeld des geplanten Kemi-Feldzugs. Der Schwarze General Oderin du Metuant war immer schon mehr Kriegsheld als Politiker. Er will seine Position festigen und dem Volk geben, was es von ihm erwartet: Nach einer Reihe verheerender Niederlagen für das Imperium von Al’Anfa muss endlich wieder ein Triumph her, der die Bewohner der Stadt mit Stolz erfüllt. Natürlich gibt es im Vorfeld eine Reihe von Personen und Gruppen, die eigene Interessen verfolgen und versuchen, das geplante Unternehmen für sich zu instrumentalisieren. Und natürlich führt das zu einigen Komplikationen.

Dabei trifft man einige alte Bekannte aus früheren Publikationen wieder. Amato Paligan steht inzwischen zwar im Zentrum der Macht und ist in mancher Hinsicht gereift, privat ist er aber nach wie vor unglücklich. Sein Großonkel Goldo Paligan mischt ebenso mit wie Rezzan Zornbrecht, der deutlich macht, dass sein Haus noch lange nicht am Ende ist. Besonderen Spaß hat mir das Schreiben von Shantalla Karinor bereitet, die erstmals selbst eine Erzählperspektive bekommt und die Geschehnisse auf ihre ganz spezielle Art lenkt und betrachtet.

Daneben gibt es aber auch neue Figuren wie Esmeraldo Paligan, den ehemaligen Präfekten von Sylla, einen machthungrigen, talentierten Granden, den Goldo ins Spiel wirft. Ebenfalls neu im Reigen um die Macht ist Said, ein Bastardsohn von Aurelian Bonareth, der in dem Roman Rabengeflüster bereits kurz Erwähnung fand.

Wenn man sich das eingangs Formulierte noch einmal auf der Zunge zergehen lässt, muss man zu dem Schluss kommen, dass in Rabenerbe und der Fortsetzung Rabenbund kaum von strahlenden Helden die Rede sein kann. Im Grunde sind alle Beteiligten auf die eine oder andere Weise Schurken – denn anders würden sie in dieser ganz besonderen Stadt, die Träume ebenso frisst wie gebiert, nicht überleben.