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Apr282018

Meine Welt der Dunkelheit - Thomas Michalski, Layouter und Erzähler

Alle von uns die an der Welt der Dunkelheit arbeiten, sind auch selbst große Fans der Settings. Das Crowdfunding zu den neuen Jubiläumsausgaben bietet uns dabei eine gute Gelegenheit auch selbst in Erinnerungen zu schwelgen und euch zu erzählen, was wir an der Welt der Dunkelheit lieben. Heute berichtet Thomas Michalski, Layouter und Spielleiter beim Ulisses Unplugged von seinen Erfahrungen.

Über meine Liebe zur Welt der Dunkelheit

Während eines ganzen Teils meines jungen Rollenspieler-Lebens war die Welt der Dunkelheit mehr ein mysteriöser Schemen in der Nacht für mich. Na ja, weniger in der Nacht, mehr in der Wunderwelten, dem seligen Rollenspiel-Magazin, das FanPro damals verlegte. Ich las es als eifriger DSA- und Earthdawn-Spieler, aber es waren Rezensionen und Berichte über diesen ganzen Satz anderer Rollenspiele, die ebenfalls mein Interesse weckten. Systeme mit Titeln wie Vampire, Werwolf oder Magus. Dennoch ergab es sich lange nicht, dass ich in meiner ländlichen Heimat mal eines dieser Systeme in die Finger bekam.

Sprung voraus in die Oberstufe, hin zu einer neuen Rollenspielrunde, zu der man mich einlud – und die bei mir dann schließlich, endlich ganz neue Türen aufstieß! Wir spielten Magus: die Erleuchtung, ein System, über das ich ja beim letzten Crowdfunding schon schwelgen durfte, doch unsere Kampagne streifte auch all die anderen, übernatürlichen Bewohner der Welt der Dunkelheit. Und so lernte ich halt nicht nur Traditionen und Technokratie kennen, sondern auch die Kainskinder, den Unterschied zwischen Camarilla und Sabbat, Clans mit exotischen Namen wie Brujah, Lasombra oder Tzimisce, und all die Abgründe, die dort lauerten.

Wenn man das jetzt so hört, ist natürlich der Verdacht naheliegend, dass diese Liebe zur Welt der Dunkelheit, die ich empfinde, letztlich auf Nostalgie errichtet ist. Und sicherlich liegt darin Wahrheit – und zwar völlig berechtigt, immerhin sind es ja auch Jubiläumseditionen, die wir hier angehen. Es greift aber zu kurz.

Zum einen kann man einfach nicht über die Welt der Dunkelheit reden, ohne nicht ihre Ästhetik zu würdigen. Die in der Gegenwart spielenden Systeme der Reihe bezeichneten sich selber ja gerne als gothic punk, ein Stilmix, der ganz klar Kind seiner Zeit, aber für mich auch einfach zeitlos großartig ist. Da rollen musikalische Einflüsse wie The Cure und Bauhaus zusammen mit medialen Inspirationen wie Neil Gaimans Sandman, und erzeugen eine Stimmung, die mir nie ein anderes Spiel hat bieten können. Und ich bin ja auch nicht von ungefähr zu einem Layouter in der Rollenspiel-Szene geworden; diese Titelbilder der damaligen Bücher, etwa das grüne Marmor-Cover mit der Rose, was die Vampir-Regelwerke zierte, die waren durchaus sehr prägend. Sie waren einfach anders als all die anderen Rollenspiele, die zu der Zeit auf dem Markt waren.

Und das gilt auch für den Inhalt. Die 90er waren ja auch reich an verschiedenen Rollenspielsystemen, aber die Welt der Dunkelheit erschuf sich schnell ihre eigene Nische. Das moderne Setting, der erzählerische Schwerpunkt auf Konflikte innerhalb von Machtgruppen und das daraus erwachsende Intrigenspiel, aber auch diese demonstrativ zur Schau getragene Weltschmerz-Melancholie, die Anne Rice‘ Lestat neidisch machen könnte, das war neu, frisch, unverbraucht.

Was das „Dunkle Zeitalter“ angeht, so war ich eingangs unsicher, weil eben diese Moderne, dieser Gothic Punk nun zurückblieben, aber nachdem ich damals hineingelesen hatte, war ich auch dort fasziniert. Das Setting war ein anderes, der Stil der Macher aber unverkennbar zu finden – und die neuen Perspektiven auf etablierte Machtgruppen, die es bot, machten es nicht nur zu einem lohnenden Hintergrund in sich, sondern bereicherten zugleich die „Maskerade“ wieder, weil plötzlich neue Zusammenhänge offenbar wurden. Die Jubiläumseditionen sind ja samt und sonders ziemliche Wälzer, jeder davon weit dicker als die Regelwerke, die wir damals hatten, aber zugleich ist die Welt der Dunkelheit auch ein so reiches Setting, dass es gefühlt immer noch mehr zu entdecken gibt.

Die Spiele hatten dabei immer ihre Ecken und Kanten. Die melancholischen Hintergründe der Figuren standen und stehen immer in einem gewissen Konflikt mit den Machtphantasien, die aus den effektiven Superkräften der Vampire erwachsen, aber für mich ist auch dies ein Teil des Charmes, den die Reihe hat. Natürlich muss man sich fragen, wie leidend die eigene Existenz ist, während man gerade seinen Widersacher mit einem „Lockruf der Flammen“ ist einen traurigen Haufen Glut verwandelt, aber vielmehr würde ich sagen: Das Spiel bietet einfach beides. Es ist immer noch genau das, ein Spiel, und wer einfach einmal die Kräfte der Nacht mit seinen Kainiten über die Sterblichen bringen will, der wird hier ebenso vergnügsame Stunden verbringen.

Ich schrieb vorhin, die Welt der Dunkelheit sei anders gewesen, als der Rest erhältlicher Rollenspiele. Tatsächlich ist sie das auch heute noch. 27 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Edition von „Vampire: die Maskerade“ steht sie vielleicht nicht mehr alleine in ihrer Nische, aber für mich zumindest hat sie weiterhin unangefochten die Spitze inne. Für mich sind einige Runden in der Welt der Dunkelheit Teil meiner prägendsten Rollenspiel-Erfahrungen geworden, und es macht mich froh, dass wir – mit eurer Unterstützung auch beim aktuellen Crowdfunding – nun noch mehr Leuten die Chance geben können, all dies mit prachtvollen Neuauflagen selbst zu erleben.