von Peer „Sir Doom“ Bieber
"Warum nur müssen kriminelle Untergrundorganisationen diese Sache mit dem Untergrund bloß immer so wörtlich nehmen", murmelte Clara Hoffmann, während sie versuchte, durch ein eingeschlagenes Kellerfenster in das leerstehende Gebäude zu kommen, ohne ihre Taschenlampe zu verlieren. Trotz der klar erkennbaren Tatsache, dass das Gebäude schon längst abrissreif war, hatte irgendjemand dafür gesorgt, dass die Vorhängeschlösser vor den Türen intakt gehalten und die Fenster mit Synthoplast abgedichtet wurden. So hatte sie sich die Sache nicht vorgestellt, grübelte Clara, während sie leicht angeekelt eine Spinne verjagte, die durch den Schein ihrer Lampe angelockt worden war und neugierig schien, wer denn da ihr Netz kaputt gemacht hatte, das ihr so zuverlässig Nahrung geliefert hatte.
Clara Hoffmann, vierundzwanzig Jahre alt, Abitur mit siebzehn am Prometheus-Gymnasium, freiwillig verlängerter sozialer Dienst, Abschluss in Journalistik im Schnelldurchlauf an der TSU Universität der Rhein-Main-Stadtmetropole, treue Staatsbürgerin und ziemlich gutaussehend, hatte eigentlich nicht vorgehabt, nachts durch den Dreck zu kriechen, aber Story war Story, und nur regierungstreue Leute, die auch gute Storys an Land zogen, hatten eine Chance auf die lukrativen Jobs mit Festgehalt plus Sonderzulagen.
Angespannt wischte sich Clara eine Locke aus dem Gesicht, während sie den Raum ableuchtete, in dem sie gelandet war. Staub wirbelte durch die Luft und vermischte sich mit ihrem feuchten Atem. Zum Glück war die Szenerie nicht ganz so gruselig, wie sie zunächst erschienen war, immerhin hatte Clara ihren Kontaktstunner dabei – der pinkfarbene Stevenson BadGirl hatte sie bisher nie im Stich gelassen.
Blutbad von den Iron Sisters bahnte sich stampfend den Weg in ihre Gehörgänge, also waren ihre Informationen richtig, dass hier irgendwas ablief, was keiner mitbekommen sollte, was meistens etwas Illegales bedeutete. Leise schlich sie zur Tür, die sich überraschend lautlos öffnen ließ, schlüpfte hindurch und befand sich in einem langgestreckten Gang, dessen Staubschicht von Schleifspuren und Fußabdrücken durchzogen war. Einige Meter weit versuchte sie, nur in bereits bestehende Fußspuren zu treten, bis sie erkannte, wie sinnlos dieses Unterfangen war, und schlich weiter in Richtung der Musik.
"Wo Lärm ist, ist Action, und wo Action ist, ist auch eine Story", hatte ihr Chefredakteur ihr eingebläut, und sie nahm an, ein Konzernkriegsveteran der Militärnachrichten wüsste, wovon er sprach. Langsam und bedächtig holte Clara ihre Holocam aus der Seitentasche, als sie sich der Quelle der Musik so weit genähert hatte, dass man Gesprächsfetzen von mehreren Menschen hören konnte. Vorsichtig lugte sie durch die halb geöffnete Stahltür in den großen Raum dahinter. Mitten im Raum stand ein blankpolierter Aluminiumtisch, der dem Zustand der grauen Wände zu spotten schien. Zwei Männer hoben einen großen Leinensack auf den Tisch, während ein Mann und eine Frau Karten an einem Campingtisch in der hinteren Ecke des Raums spielten. Beide waren mit Pistolen bewaffnet, was Claras Vertrauen in ihren Kontaktstunner rapide schwinden lies. Clara hielt ihre Holocam vor sich, schaltete den Blitz aus und wurde sich plötzlich einer irritierenden Tatsache bewusst. Sie fragte sich ernsthaft, warum der ganze Raum mit Plastikplanen ausgelegt war. Schlimmer wurde es allerdings, als sich der große Leinensack, der mittlerweile vollständig auf dem Aluminiumtisch lag, zu bewegen begann, und zwar sehr heftig. Einer der beiden Gorillas – so viel zum Thema klischeefreie Assoziationen – schlug rüde auf den Sack, der heftig zu stöhnen anfing. Beide Gorillas lachten und begannen damit, den Inhalt des Sacks auszupacken, der sich als einer der vielen Obdachlosen aus der Unterschicht der RMSM herausstellte und durch mehrere Lagen Panzertape zum Schweigen verurteilt war, sich aber trotzdem zu wehren versuchte, was zu mehr Schlägen und weiterem Gelächter führte. Geschäftsmäßig blickte der größere der Gorillas zum Campingtisch, während sein Kumpan den Obdachlosen an den Aluminiumtisch fesselte. "Okay Doc, das Frischfleisch ist da. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn es schnell gehen würde. Der Kunde wartet schon!"
Der "Doc" und seine Assistentin erhoben sich gelangweilt, schlenderten zum Tisch hinüber und zogen sich lange Arzthandschuhe an. Die Assistentin begann die Kleider des Obdachlosen mit einer Schere aufzuschneiden und dann seinen Oberkörper mit einer rötlichen Emulsion zu behandeln. Der Doc hingegen vertiefte sich in eine Liste, die wie ein Einkaufszettel aussah, während die Gorillas einen Beistelltisch heranrollten, Sensoren an den Obdachlosen anschlossen, einige Kühlboxen bereitstellten und dann eine Reihe von Instrumenten auspackten: Greifer, Tupfer, Spreizer, Klemmen, Phiolen mit der Aufschrift "Immunsuppressor", Vibroskalpelle und einen Gegenstand, der aussah wie eine Vibrokettensäge, bloß wesentlich weniger unhandlich.
Erschrocken wich Clara erst langsam, dann immer schneller zurück, während die Assistentin des Docs den Obdachlosen mit einem Medikament ruhigstellte. Die Reporterin wusste, wo sie da hineingeraten war: Für biologische Ersatzorgane gab es eine lange Wartefrist, und nur wenige medizinische Zentren besaßen die Lizenz für teure Klonanlagen. Außerdem war dieser Weg den Kriminellen komplett verwehrt, also blühte der illegale Organhandel. Immunsuppressoren gestatteten es skrupellosen Med-Tech, jedwedes Organ unabhängig von der genetischen Kompatibilität jedem Menschen einzusetzen oder anzupassen. Diese hochgradig unethischen und illegalen Methoden wurden in Zusammenfassung der Einzeldelikte grundsätzlich mit der Verurteilung zu einem lebenslänglichen Arbeitseinsatz auf einer Strafkolonie bestraft. Wie lange lebenslänglich bedeutete, war dabei davon abhängig, auf welcher Strafkolonie man landete, z.B. Dark Star, wo Gerüchten zufolge lebenslänglich ungefähr zwei Monaten entsprach.
Mittlerweile hatte sich Claras hastiges Zurückweichen in panikerfülltes Laufen verwandelt. Sie musste schnellstens Hilfe holen, denn alleine konnte sie dem Opfer der Organhändler nicht helfen, und ihr PIN funktionierte nicht unter all dem Stahlbeton. Als sie die Treppe erreichte, stieß sie mit einem älteren, untersetzten Mann zusammen, der gerade die letzten Stufen heruntergekommen war. Verzweifelt kramte sie in ihrer Handtasche nach ihrem Kontaktstunner, riss ihn heraus und stellte fest, dass er sich nicht mehr in ihrer Hand befand, sondern in der des Fremden.
"Nun mal ganz ruhig, junge Frau, ich bin kein Krimineller, sondern der Hausmeister, Jacob Huber, sehen Sie, hier steht’s, an meinem Namensschild. Was machen sie hier überhaupt?"
Die angenehme Bassstimme des älteren Mannes, der langsam einen Bauch ansetzte, beruhigte Clara, auch weil er wirklich einen Hausmeisteroverall samt Namensschild an der darüber getragenen Jacke trug. Außerdem blieben ihr im Moment nicht besonders viele Optionen übrig. So schnell und kurz wie möglich erzählte Clara ihm, was sich hinten im Keller abspielte und wie wenig Zeit blieb, um noch etwas zu tun. Jacob Huber gab ihr den Kontaktstunner zurück, dessen sehr pinkfarbener Anblick ihn fast lächeln lies.
"Wir müssen uns beeilen! Bis die Polizei hier ist, ist es zu spät. Sie warten an der Tür, ich versuche sie zu verscheuchen. Wenn’s net klappt, rennen sie los und rufen die Polizei!"
Von der vor Autorität strotzenden Stimme beeindruckt folgte Clara dem Hausmeister und blieb kniend versteckt hinter der Tür zurück, während Jacob Huber einfach in seinem Hausmeisterdress und seiner Sporttasche mit dem Logo der Gebäudeverwaltung in den Raum marschierte.
Die zwei Gorillas blickten erschrocken auf und griffen in ihre Jacken, die Assistentin sprang in Deckung und der Doc fluchte wie ein Besessener, weil er vor Schreck mit dem Vibroskalpell fast zehn Zentimeter zu tief geschnitten hatte.
„Ich glaub mein Schwein pfeift und ich krieg Plaque, ihr Schnullis wagt es, einen Organhandel in MEINEM VERDAMMTEN KELLER AUFZUZIEHEN?!?“, brüllte Jacob Huber die versammelte Bande an. Mit vielem hatten die Kriminellen gerechnet, aber nicht mit einer Gardinenpredigt des Hausmeisters. Diese Verwirrung hielt vielleicht zwei, drei Sekunden an, zusätzlich verschlimmert dadurch, dass der Hausmeister seine Sporttasche fallen lies, denn das menschliche Auge folgt instinktiv sich bewegenden Dingen. Als ihre Augen wieder auf dem Hausmeister ruhten, blickten die Organhändler in die Mündung einer Pfeiffer MP X5, die in einem Hagel von Geschossen zu explodieren schien. Zwei Feuerstöße von je fünfzehn Titankerngeschossen cal .38 ließen blutige Pilze auf den Oberkörpern beider Gorillas erblühen. Weitere zehn Schuss durchbohrten den Doc. Die plötzlich einsetzende Stille nach dem Gewitter wurde nur vom leisen Surren des Vibroskalpells durchdrungen, dass der Doc noch immer in seinen leblosen Händen hielt. Jacob Huber ließ die MP X5 fallen, griff in seine Jacke und zog eine mattschwarze, abgegriffene Luger Automag mit Schalldämpfer hervor, trat den Campingtisch um, hinter dem die Assistentin Deckung gesucht hatte, und hustete ihr zwei Schüsse in den Kopf und einen ins Herz.
"Alles okay!" rief er in Claras Richtung, die wie betäubt aufstand und schwankend in den Raum taumelte. Nie hatte sie so etwas erwartet, gesehen, gerochen. Kordit, Blut, Desinfektionsmittel, Bier, Fertigpizza und Fäkalien bildeten eine Wand aus Übelkeit um sie herum, und trotzdem war sie froh, weil dieser einfache Hausmeister die bösen Jungs getötet und den Obdachlosen gerettet hatte. DAS würde eine Story werden. Als Jacob Huber zu dem Obdachlosen, dessen Vitalwerte sogar noch halbwegs im grünen Bereich waren, hinüberging, begann sie sich zu fragen, wie viele Hausmeister Maschinenpistolen und schallgedämpfte Luger mit sich führten. Sprachlos schaute sie zu, wie Jacob Huber dem Obdachlosen die Luger aufsetze und zweimal abdrückte.
Mit bleichem Gesicht kam sie nie über ein "Aber ..." hinaus, als die cal .357 Kugeln der Luger jedem ihrer Gedankengänge ein Ende bereiteten. Leblos klatschte ihr Körper zu Boden. Mehrere Sekunden lang legte sich Stille über den mit Blut getränkten Raum, ehe Jacob Huber laut einatmete. Ein Organhändlerring war das letzte, was er gebrauchen konnte, ganz abgesehen von einer Reporterin. Jegliche Art von Aufmerksamkeit war ihm aus gutem Grund unangenehm, denn die Staatspolizei der TSU und ihre Geheimdienste machten ihre Sache, sobald sie einmal auf etwas aufmerksam geworden waren, ziemlich gut. Wenigsten musste er sich nicht um Plastikplanen kümmern, davon lagen hier genug herum.
Zwei Stunden später hatte er alle Leichen eingetütet und den Keller mit genug Chemikalien ausgespült, dass die Spurensicherung sich auf den Kopf stellen konnte und trotzdem nichts finden würde. Gemütlich fuhr er zur drei Kilometer entfernten Grundschule, die er ebenfalls hausmeisterlich betreute. Es würde die ganze Nacht dauern, die Einzelteile der Störenfriede in den Ofen der Kunstwerkstatt der Schule zu bekommen, aber zum Glück war Wochenende, und er konnte sich die Zeit nehmen, die er brauchte, um sicherzugehen, dass auch die Knochen verbrannten. Eigentlich wollte er sich das Wochenende über ausruhen und einige letzte Dinge mit seinen Kollegen besprechen, aber so musste der Anschlag auf die Dienststelle des Innenministeriums halt noch eine Woche warten.
"Warum muss so ein Tschaiss immer mir passieren", dachte Jacob Huber, Hausmeister und Leiter der Shark-Terrorzelle der Rhein-Main-Stadtmetropole
