von Rick „Erzkardinal“ Volabee
Seit er denken konnte, litt Matthew L. Jones unter einer starken Klaustrophobie, die er auf sein Geburtstrauma zurückführte. Mehrere Stunden hatte er im Becken seiner Mutter festgesteckt und den Sauerstoffmangel nur wie durch ein Wunder überlebt.
Seine momentane Situation war der, in der er sich damals befunden hatte, nicht unähnlich. Wie damals befand er sich tief im Inneren eines Bauches, auch wenn es heute der blecherne Bauch der RL Ulysses und nicht der seiner Mutter war. Matt steckte tief in den Eingeweiden des alten Schiffes – es musste noch aus der zweiten Kolonisationswelle stammen – in einem Lüftungsschacht über den Frachträumen.
Seit Tagen wartete er darauf, dass die Ulysses ihr Ziel endlich erreichen würde. Matt hatte jedes Gefühl für die Zeit verloren. Seine innere Uhr hatte in der stumpfen Dunkelheit aufgehört zu ticken. Er hatte keine Ahnung, ob sie bereits drei Tage, oder eine Woche unterwegs waren. Die Tabletten jedenfalls schienen zu wirken, denn sonst wäre er vermutlich längst ausgerastet. Matt war durch sie müde und schläfrig geworden und in eine Art Gleichgültigkeit verfallen, auch wenn diese hin und wieder von plötzlichen Panikattacken hinfort gefegt wurde. Dann griff er in die Tasche seiner Weste, welche er sich unter den Kopf geschoben hatte, und holte mit zittrigen Fingern eine weitere der kleinen weißen Pillen hervor, die er dann zu seinem Mund führte. Er legte sie auf seine Zunge, mit welcher er sie sorgsam zwischen seine Backenzähne schob, um sie dort zu zermahlen. Die Wirkung der Pillen war extrem und führte dazu, dass seine Ängste ebenso schnell verschwanden, wie sie gekommen waren. Meist übermannte ihn dann sofort der Schlaf, welcher tief und traumlos, jedoch keinesfalls erholsam war.
Er war froh, dass die Träume aufgehört hatten. Seit der Begegnung mit dem Ding auf Transvaal konnte er nicht mehr ruhig schlafen. Nur die Pillen halfen, doch selbst wenn er wach war, sah er wieder und wieder die gleichen Bilder vor Augen. Diese Bestie, wie sie sich auf ihn und seine Kumpel stürzte und einen nach dem Anderen mit ihren spitzen Klauen, welche aus langen Tentakeln wuchsen, tötete. Matt fragte sich, wie diese Abscheulichkeit das Licht der Welten erblickt hatte. Wer hatte sie erschaffen? Matt wusste, dass dieses Wesen keinen natürlichen Ursprung hatte. Diese Kreatur, dreibeinig und von gigantischer Statur, war der geborene Killer. Ein großes Maul mit einer ganzen Reihe spitzer Zähne, eine dicke, ölig glänzende, schwarze Haut, ein langer Schwanz, welcher den Kampf über hin- und herpeitschte und beinahe ebensoviel Schaden anrichtete, wie die in das Wesen integrierte Waffe, welche eine Art Eisstrahl verschoss.
Trotz der Hitze schauderte es ihn. Er spürte das Metall, des Lüftungsschachts unter seiner nackten Haut. Es war unbeschreiblich heiß. Matt schob die Weste unter seinem Kopf von sich weg, drehte sich auf den Bauch und presste seine Wange gegen das Metall. Er wünschte sich, die Klimaanlage würde funktionieren.
Dieses Ding, obwohl es eine Tötungsmaschine war, hatte den Kampf verloren. Er erinnerte sich an die Fratze des Wesens, wie sie näher und näher kam, dieses scheußliche Gesicht... Wimmernd zog Matt die Knie eng an seinen Körper. „Es ist tot, es ist tot, es ist tot, es ist tot!“ Er sagte es wieder und wieder, minutenlang. „Ja, es ist tot, ich habe es getötet.“ Der Schweiß lief seinen muskulösen Körper hinunter. Die Jahre in den verschiedensten Minen auf den unterschiedlichsten Planeten hatten seinen Körperbau geprägt, und dennoch war dieser Leib, groß und kraftvoll, wie er war, nichts im Vergleich zu dem dieses Wesens. Shark ... wer sonst würde eine solche Kreatur erschaffen, wenn nicht Shark. Shark, sharky...
„Musst vorsichtig damit umgehen, Junge“, hatte der Mann, von dem er die Tabletten bekommen hatte, gesagt. „Die Nebenwirkungen sind verdammt sharky. Das Zeug ist richtig fies. Macht ganz dumm im Kopf, müde und träge, aber es legt die Verdauung lahm. Kann Wochen dauern, bis du danach wieder richtig Kacken kannst.“
Die Hitzewallungen und die Kopfschmerzen waren wirklich verdammt sharky, doch der Schlaf war gut. Matt mochte den Schlaf. Er war wie ein Freund. Wenn er kam, vergaß er seine Sorgen und Ängste, denn nicht nur die beklemmende Enge oder die Begegnung mit dem Ding machten ihm zu schaffen, auch der grauenhafte Gedanke an die Osmanischen Gewürzhändler. Osmanische Gewürzhändler! Er wollte nicht als Sklave enden. Er wollte raus, raus aus diesem Schiff und diesem Leben, das keines war und nie eines gewesen war. Gott hatte ihm eine zweite Chance gegeben. Er hatte die Bestie getötet und Matt wusste, dass Gott seine Hand im Spiel gehabt hatte. Er wusste, dass Gott, nach dem er sich nie gerichtet hatte, in dieser schweren Stunde bei ihm gewesen war. Gott hatte ihm sein lästerliches Leben verziehen, hatte in seiner Barmherzigkeit über die unzähligen Nutten, den Suff, die geprellten Kumpel und den getöteten Zuhälter hinweggesehen und ihm zu einem zweiten Leben verholfen. Wie sonst, ließe sich erklären, dass Matt es geschafft hatte, das monströse Wesen mit dem Druckluftnagler zu erledigen. Mit Glück? Matt hatte nie zuvor in seinem Leben Glück gehabt. Seine Kindheit war es nicht wert, als solche bezeichnet zu werden. Der Minenarbeiter war auf der Straße groß geworden, nachdem seine Mutter sich zu Tode gesoffen hatte. Seinen Vater kannte er nicht.
Matt drehte sich auf den Rücken, legte seine blanken Arme neben sich und fühlte das Metall unter seinen Handflächen. Er stemmte die nackten Füße gegen die Decke des Lüftungsschachtes. Er wollte nicht an damals denken. Nicht an den Hunger, nicht an die Freier, nicht an die Angst. Er war kein Jugendlicher mehr, den man herumschubsen und an dem man sich vergreifen konnte. Er war ein Mann. Er war groß und stark, und wenn er nicht entdeckt und an Sklavenhändler verkauft werden würde, dann lag das alles hinter ihm und er musste nie mehr daran denken. Und so wie er seine Kindheit hinter sich gelassen hatte, so würde er auch seine Erlebnisse auf Transvaal hinter sich lassen. Er würde einfach nicht mehr daran denken.
In Zukunft würde er nur nach vorne blicken. Er würde ein gottgefälliges Leben führen. Er dachte daran, sich den Kreuzrittern anzuschließen. Er hoffte, dass sie einen Mann in seinem Alter aufnehmen würden. Im vergangenen Jahr, war er 32 Jahre alt geworden – zu alt, um dem Orden zu dienen? Matt wollte sich erkenntlich zeigen. Gott sollte ihn nicht umsonst gerettet haben. Nein, es sollte nicht umsonst gewesen sein, denn sonst hätte er besser Bob oder Axel oder Matthias oder einen der anderen Männer gerettet. So viele hatten sterben müssen. „Ich danke dir, ich danke dir, ich danke dir... Oh, lieber Gott, ich danke dir, dass du mich gerettet hast“, hauchte der blonde Minenarbeiter.
Plötzlich blies ein eisiger Wind durch den Schacht. Matt drehte sich und begann, auf allen Vieren dem Luftstrom entgegen zu kriechen. Es dauerte eine Weile, bis er sein Ziel erreicht hatte. Erschöpft blieb er im kalten Luftstrom liegen. Obwohl seine Finger und Füße schnell blau wurden, empfand es Matt nach wie vor als sehr warm. Seine blonden Haare waren verschwitzt und klebten an seiner Stirn. Sein Blick folgte den großen Blättern des Axialventilators. Zum ersten Mal seit seiner Flucht vor mehr als 72 Stunden fühlte Matt sich wohl. Seine Augenlider waren schwer, sein Blick verschwamm, als er in einen narkotischen Tiefschlaf fiel.
Es dauerte noch eine halbe Stunde, dann war der Fötus in Matts Kopf bereit zu schlüpfen. Der junge Rhu-Ngur, der sich an Matts Hirnanhangsdrüse festgesetzt hatte, rollte seinen schlanken Körper zusammen, spannte ihn an und brach sich dann explosionsartig seinen Weg durch Matts Hinterkopf ins Freie. Der Schädel zersprang wie ein Gefäß. Blut und Reste der Hirnmasse verteilten sich über die Wand des Lüftungsschachtes. Der Rhu-Ngur drehte sich, seine stachelbewehrte Schwanzspitze, welche ihm den Weg ins Leben geschlagen hatte, schaute keck aus dem Kopf der Leiche hervor. Der junge Krieger verzehrte in Ruhe, was von Matts Hirn übrig geblieben war, dann drehte er sich herum und verließ seinen Wirt. Aufmerksam schaute er sich um, lauschte und schnupperte. Dann hechtete die winzige Kreatur zielstrebig den langen Gang entlang.
