von Ralf „Sandfox“ Sandfuchs
Das Gotteshaus lag im abendlichen Halbschatten, als Bert de Vries durch das gepanzerte Portal trat. Einen Moment lang durchzuckte ihn der Gedanke, dass ein solches Gebäude nicht dieses Schutzes bedürfen sollte, aber dann erinnerte er sich, warum dies der Fall war. Er zog seine Kappe noch etwas tiefer ins Gesicht, um den unsichtbaren, aber sicherlich vorhandenen Kameras möglichst wenig von sich zu zeigen und trat auf den Beichtstuhl zu, der sich einige Meter links vom Eingang hinter einer Säule befand.
Ein rotes Licht über dem fahl leuchtenden Zugangs-Pad zeigte ihm an, dass sich jemand im Innern befand. Bert musste warten. Er begab sich zu einer der Sitzreihen in der Nähe, murmelte ein kurzes Gebet, bekreuzigte sich und nahm Platz. Dann ließ er den Blick gedankenverloren durch das Gotteshaus schweifen. Hätte er es nicht besser gewusst, so hätte er denken können, er befände sich in einem Jahrhunderte alten Bau. Geschwungene Säulenbögen trugen ein gewölbtes Kuppeldach, scheinbar aus Holz bestehende Bänke führten den Besucher auf einen mit wertvollen Stoffen behangenen Altar zu, über dem ein großes Goldkreuz hing. Alles wurde beleuchtet vom letzten Tageslicht, das durch die vielfarbigen Fenster drang.
Bert wusste, dass all diese Dinge aus einer zentralen Manufaktur der Allkatholischen Kirche stammten. Angeblich sollte diese Fabrik auf der Strafkolonie Treiber IV im System Alpha Arietis beheimatet sein, wo die Gefangenen unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften mussten. Den fertigen Gebäuden, die dann auf alle zu missionierenden Planeten des Weltalls verfrachtet wurden, würde man diese Herkunft jedoch nicht ansehen. Er erschauerte bei dem Gedanken, denn er wusste genau, dass in diesen Strafkolonien nicht, wie von der Kirche behauptet, ausschließlich wahnsinnige Ketzer und gemeingefährliche Straftäter untergebracht waren. Vielleicht waren einige von ihnen sogar seine eigenen Kameraden, Menschen, die an seiner Seite gekämpft hatten. Er warf einen kritischen Blick auf seine Umgebung. Die scheinbar gemauerten Säulen und Mauern waren aus Beton gegossen, das „Holz“ war in Wirklichkeit ein leicht zu verarbeitendes und haltbares Polymer, die wertvollen Stoffe bestanden ebenso aus preiswert herzustellenden Kunstfasern, und das große, durch die Macht Gottes leuchtende Kreuz war in Wirklichkeit mit einem selbstleuchtenden Lack angesprüht. Das Standard-Gotteshaus für kleinere Kolonial-Welten, Version 2.4. Er musste sich beherrschen, um nicht laut los zu lachen. Machte es ihn zum Ketzer, wenn er diese Praktiken der Kirche seltsam fand, wie einige Priester behaupteten? Oder war es nicht eigentlich egal, woraus das Haus selbst bestand und wie es hergestellt wurde, so dass er darüber ruhig nachdenken durfte? War es nicht viel wichtiger, wofür das Gebäude stand, was es den Menschen einer Stadt bedeutete? Schließlich war er selbst ja genau deswegen hier.
Trotzdem ließ ihn das Gefühl in seinem Innern unbehaglich hin und her rutschen. Die Kirche war ein Massenbetrieb geworden, getragen von Fabriken, geleitet von Wirtschaftsbossen, an der Macht gehalten von den Kreuzrittern und ihrer Raumflotte. In seiner Jugend hatte ihr Priester, Bruder Servatius, seine Gottesdienste noch in einem grob gezimmerten Holzhaus gehalten, die Musik war nicht von einer computergesteuerten Orgel, sondern aus einem mundgeblasenen Dudelsack gekommen. Doch nach dem Sieg der Kirche über den inzwischen als Ketzerhort verschrienen Shark-Konzern wollten die Kardinäle ihre Macht auch nach außen zeigen. Das Holzhaus fiel, der Dudelsack verstaubte in irgendeinem Regal, und das Gotteshaus erhob sich aus dem Nichts zu protziger, wenn auch standardisierter Größe. Doch Bruder Servatius war immer noch vor Ort, älter, grauer, aber Tag um Tag für seine Gemeinde da. Und dieser Umstand war es, der Bert Trost spendete. Die Umwälzungen der Gesellschaft und der Kirche mochten noch so groß sein, es kam doch auf die Menschen an. Und was war mit ihm selbst? Er erinnerte sich wieder, warum er hier war: um zu beichten, um seine Seele zu erleichtern, um die Absolution Gottes zu empfangen. Er kam nicht mehr so häufig zum Gottesdienst wie früher. Nur gelegentlich schlich er sich hinein, saß in irgendeiner halbdunklen Ecke und verfolgte die Heilige Messe. Und häufig rannen dann Tränen über sein Gesicht, ohne dass er sie zurückhalten konnte. Meistens verließ er das Gebäude etwas vor dem eigentlichen Ende des Gottesdienstes; er wollte sich nicht den fragenden und vorwurfsvollen Blicken der restlichen Gemeinde stellen. Früher, in der Holzkirche, hatte er als Jugendlicher noch seine Pflichten als Messdiener erfüllt. Das war vor der Zeit bei Shark gewesen, vor den Konzernkriegen. Wie lange war das her, und was war alles seitdem passiert. Doch das Wissen um die Sünden, die er sich aufgeladen hatte, hatte ihn heute hierher getrieben. Das Gefühl, sich diesen Dingen im Namen des Herren stellen zu müssen, war immer stärker in ihm geworden. Seine Kameraden hatten ihn für verrückt erklärt, hatten ihm geraten, nicht hierher zu kommen, doch er hatte es einfach tun müssen. Vor allem, wenn es so weiterginge wie bisher. Und das würde es.
Er schreckte hoch, als ein leises Glockenspiel neben ihm ankündigte, dass der Beichtstuhl nicht länger besetzt war. Tatsächlich, das grüne Licht brannte. Er fluchte leise. Er hatte sich so von seinen eigenen Gedanken ablenken lassen, dass er nicht einmal mitbekommen hatte, dass der andere Besucher gegangen war. So etwas durfte ihm nicht passieren. Es war gefährlich, arglos zu sein, gerade für einen Gesuchten wie ihn. Raschen Schrittes begab sich Bert zum Beichtstuhl hinüber und legte die behandschuhte Hand auf das Sensorfeld mit dem Kreuz. Die Fläche leuchtete auf und wartete jetzt darauf, dass er die Worte sprach, die ihm die Tür öffnen würden.
„Vater, vergib mir, denn ich habe gesündigt!“ Seine Stimme klang rau und kehlig, doch die Maschine erkannte die vorgegebenen Worte trotzdem. Die schalldichte Tür vor ihm schob sich zur Seite, und Bert wunderte sich wie schon so häufig, wie sehr das Metall dabei einem beiseite gleitenden Vorhang ähnelte. Er betrat die kleine Kammer und kniete sich auf die Gebetsbank zu seiner Rechten. Der Beichtstuhl schloss sich wieder, und Dunkelheit umfing ihn für einen Moment. Dann öffnete sich vor ihm die kleine Klappe, hinter der Bruder Servatius saß. Der alte Priester war kaum zu erkennen durch das engmaschige Gitter, doch seine Stimme war unverkennbar, als er nun fragte: „Wie lange liegt deine letzte Beichte zurück, mein Sohn?“ Bert musste sich beherrschen, um nicht wieder aufzulachen. „Oh, Vater, ich glaube, ich habe seit vielen Jahren nicht mehr gebeichtet.“ Er sah, dass der Priester beim Klang seiner Stimme zusammenzuckte. Er wusste offenbar ganz genau, wer auf der anderen Seite des Gitters saß.
Einen Moment lang durchzuckte Bert ein Gefühl der Panik. Er wollte aufspringen und hinausrennen, doch dann klang die ruhige und beherrschte Stimme seines früheren väterlichen Freundes durch das Gitter: „Dann berichte mir von deinen Sünden.“ Bert fühlte, wie ihm ein Pickel aus Eis durchs Herz fuhr. Wo sollte er anfangen? Er spürte die Kälte des Eises immer weiter durch seinen Körper dringen, und seine Stimme war brüchig und belegt, als er jetzt zum Sprechen ansetzte. „Vater, ich habe getötet. Viele Menschen, Schuldige wie Unschuldige.“ Er hatte gehofft, dass dieser erste Satz den Bann brechen würde, doch das Eis in seinem Inneren schien sich noch weiter auszubreiten, als er weiter sprach. „Wir führen Krieg, Vater, im Namen der Menschen, die auf unseren Schutz vertrauen. Doch wir können ihn nicht offen führen, denn die Macht unserer Gegner ist zu groß für einen direkten Schlagabtausch. Ich habe einen Eid geleistet, den Krieg weiter zu führen, bis unsere Gegner sich vor uns geschlagen geben oder bis wir alle tot sind, und im Namen dieses Eides habe ich getötet.“
Bruder Servatius lehnte sich ein wenig nach vorn. „Und wen hast du getötet, mein Sohn?“ Bert schluckte trocken, doch der Kloß in seinem Hals wollte nicht weichen. Seine Stimme war rau und kehlig, als er weiter sprach. „Vater, alles, was ich euch sage, fällt doch unter das Beichtgeheimnis?
Ich meine, nichts davon wird jemals an die Ohren eines anderen dringen, oder?“ Der junge Mann kannte die Antwort bereits, noch bevor die entrüstete Stimme des Priesters sie aussprach. „Die Beichte ist eins der heiligen Sakramente, und von daher bin ich durch meinen Glauben an Gott und durch meine Position als Priester dazu verpflichtet, nichts von dem, was ich in diesem Raum höre, an andere weiter zu geben. Du kannst völlig frei sprechen.“ Bert hatte das Gefühl, ihm falle eine zentnerschwere Last von den Schultern, und bevor er auch nur nachdenken konnte, flossen die Worte nur so aus seinem Mund. „Ich habe früher für den Shark–Konzern gearbeitet, Vater, als Sicherheitsmann, und ich war eigentlich recht zufrieden mit meinem Job. Aber dann kamen die Konzernkriege, und die Kämpfe auf unserer Welt brachen aus, und plötzlich war ich ein Feind im eigenen Land. Die Truppen des PTI-Konzerns legten unsere Werkswohnungen in Schutt und Asche, und sie zerbombten die Fabriken. Viele Tausend Menschen starben, und die Überlebenden
wurden gejagt, egal, ob es sich um Zivilisten oder Konzernsoldaten handelte. Wir versuchten unser Möglichstes, um die Menschen unter unserer Obhut zu schützen, aber wir waren zu wenige und wurden selbst gehetzt, und die Gegner waren zu viele. Irgendwann flohen wir in die Berge, wo man uns nicht so leicht aufspüren konnte, und dort blieben wir eine Weile. PTI zog irgendwann wieder ab, doch dafür kamen die Kreuzritter, und auch die ließen uns keinen Frieden. Wir waren Ausgestoßene geworden, und wo immer wir auftauchten, mussten wir vorsichtig sein, dass man uns nicht erkannte…“
Der junge Mann spürte, wie sich Bruder Servatius auf der anderen Seite der Wand bewegte, und erst jetzt fiel ihm auf, was er gerade gesagt hatte. Er hatte die Diener der Kirche als seine Feinde bezeichnet, und so mancher Priester hätte ihn nun schon der Ketzerei bezichtigt und den Kreuzrittern überantwortet. „Ich verstehe ja, dass die Kirche hier ist, um für Frieden zu sorgen und den Menschen zu helfen“, beeilte er sich zu sagen, „aber für uns war sie wie ein neuer Feind.“ Bruder Servatius räusperte sich, und Bert schwieg, während er spürte, wie ihm das Blut heiß ins Gesicht schoss. Einen Moment lang herrschte bedrückende Stille. „Die Kirche ist nicht euer Feind“, durchbrach dann die Stimme des Priesters die Ruhe. Bert konnte die Anklage in diesen Worten hören. „Doch ihr müsst euch wieder in ihren Schoß begeben, euch ihrem Schutz überantworten!“
Bert hörte das dröhnende Pochen seines Herzens in seinen Ohren, hin- und hergerissen zwischen Wut über das Unverständnis seines Beichtvaters und den aufwallenden Schuldgefühlen, die ihn überhaupt erst hierher gebracht hatten. Er hörte den kaum gezügelten Zorn in seiner Stimme, als er jetzt weiter sprach. „Wenn wir das tun würden, wären wir tot, bevor wir auch nur die Chance hätten, uns zu ergeben. Einige haben es versucht, doch sie wurden erschossen…“ „Ihr tragt Waffen“, unterbrach ihn der Priester, „die Ritter des Ordens müssen sich verteidigen.“ „Sie waren unbewaffnet!“ schrie Bert zurück, plötzlich überschwemmt von seiner Wut. „Doch die Ritter haben sie einfach niedergemäht!“
Bruder Servatius hob die Stimme kaum merklich, als er antwortete. „Überleg dir nur, was sie denken müssen, wenn einige der Euren plötzlich auftauchen. Ihr habt dem Kampf einen Eid geleistet, sie dem Glauben und dem Frieden im Namen des Herren. Ihr handelt als Terroristen, sie als Abgesandte Gottes und der Regierung. Wie sollen sie reagieren, wenn ihr vor ihnen auftaucht? Sollen sie warten, bis ihr zuerst feuert?“ In Berts Kopf rasten die Gedanken. Einen Moment lang wusste er nicht, was er antworten sollte. Dann sammelte er sich und antwortete ruhig und gefasst.
„Für die Unseren war es ein Massaker! Wir haben viele gute Menschen sterben sehen, nur weil sie das falsche Emblem auf ihren Jacken trugen. Und so fassten wir den Plan, den schändlichen Plan…“ Seine Stimme verlor sich. Er verfiel einen Moment in dumpfes Brüten, dann sprach er weiter, tonlos, ausdruckslos. „Unsere Anführer beschlossen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Eine Bombe sollte eine Kaserne der Kreuzritter in die Luft sprengen. Ich wurde ausgesucht, sie zusammen mit einigen anderen dorthin bringen. Gleichzeitig sollte ein Manifest über das Starweb den Willen von Shark zum weiteren Kampf bekräftigen, das Massaker der Kreuzritter anprangern. Doch wir hatten falsche Informationen bekommen. Die Bombe zerstörte zwar wie geplant das Gebäude, doch es war keine Kaserne, es war ein Familienheim für die allein stehenden Angehörigen von Opfern des Konzernkrieges. Das Heim war nur einige Tage vor dem Attentat eröffnet worden. Die dort wohnenden Kreuzritter waren gerade erst abgezogen. Ich stand hilflos daneben und hörte das Schreien und Weinen der verletzten und sterbenden Frauen und Kinder, sah die zerfetzten Leiber der Opfer, roch den Gestank verbrannten Fleisches. Ich floh, rannte fort von dem Grauen, das ich selbst entfesselt hatte, doch die Bilder dieses Tages konnte ich nicht einfach zurück-lassen. Ich hatte sie alle getötet, Menschen, die einfach nur leben wollten, so wie wir. Ich wollte immer ein gottgefälliges Leben führen, im Glauben an Gott und seine Gebote. Und nun klebt das Blut dieser Unschuldigen an mir, an MEINEN Händen!“ Bert spürte erst jetzt, dass seine Stimme immer lauter geworden war, und er schwieg erschreckt. Die plötzliche Stille lastete wie Blei auf ihm, ließ ihn allein mit seinen schuldgeplagten Gedanken. Einen Moment lang wartete der ehemalige Konzernsoldat darauf, dass der Priester etwas sagte, doch Servatius schwieg. Dann versuchte Bert weiter zu sprechen, doch seine Stimme versagte ihm den Dienst. Er musste sich räuspern, ein Laut, der ihm grotesk laut und unpassend erschien.
„Vater, ich bereue, was ich getan habe, und erbitte die Absolution des Herren.“ Wieder herrschte einen Moment lang Schweigen, und Bert wartete, dass sein Beichtvater etwas sagte. Doch anscheinend haderte dieser im Stillen mit sich, denn kein Laut drang durch die Gitteröffnung. Dann erklang ein tiefer Atemzug. „Mein Sohn, du hast wirklich schwere Schuld auf dich geladen, und kein Mensch könnte dir dieses Unrecht vergeben. Doch Gott der Gerechte und Barmherzige steht über dem Menschen, und wenn du dich ihm in wahrer Reue offenbarst, so wird er dich anhören und dir vielleicht sogar verzeihen. Doch dies ist ein Anliegen, das du nur dem Herren selbst vortragen kannst!“
Neben Bert ertönte wieder das bekannte Glockenspiel, als die Tür des Beichtstuhls freigegeben wurde. Das grüne Licht leuchtete. „Bete zehn Vaterunser und zehn Ave-Maria und bedenke deine Sünden! Dann bedenke, was du tun solltest, um in diesem irdischen Jammertal deine Sünden zu bereuen. Und sprich auch mit denen, die mit dir diese Sünden begangen haben. Überzeuge sie vom rechten Pfad! Und nun gehe hin in Frieden, mein Sohn.“
Das kleine Gitterfenster vor Bert schloss ich mit einem dumpfen Knall, mit einer Endgültigkeit, die ihm klar machte, dass er nichts mehr zu erwarten hatte an diesem Ort. Er erhob sich, unsagbar langsam, als hielten ihn zentnerschwere Gewichte am Boden, und verließ den Beichtstuhl. Einen Moment überlegte er, sich einfach davon zu stehlen, wie ein ertappter Verbrecher, der einen Ausweg sucht, doch ihm war klar, vor Gott würde er nicht fliehen können. Er trat wieder auf eine der Gebetsbänke zu, bekreuzigte sich erneut und kniete nieder. Er schloss die Augen und begann zu beten, das erste von vielen Gebeten, die ihm doch keinen Frieden schenken konnten. Vater unser unter den Sternen, geheiligt werde dein Name. Dein heiliges Reich komme, dein unfehlbarer Wille geschehe, wie im Himmel, so auch unter den Sternen. Plötzlich spürte Bert eine Hand auf seiner Schulter. Er zuckte zusammen und wirbelte erschrocken herum. Doch hinter ihm stand nur Bruder Servatius, ein trauriges Lächeln auf dem alten, zerfurchten Gesicht, Tränen in den Augen. Was ging in dem Priester jetzt vor? Waren es Tränen der Wut über seine Taten, oder Tränen der Trauer über ein verlorenes Kind Gottes? Bert wusste es nicht. Doch der nächste Satz seines Gegenübers schien ihm Hoffnung zu geben, dass der Priester verstand, was in ihm vorging. „Bert, es ist schön, dich wieder in unserer Kirche begrüßen zu können.“ Dann dreht der alte Priester sich um und ging davon, unendlich langsam und schwerfällig, wie es schien. Bert blickte ihm einen Moment lang nach, sah, wie der Priester durch eine Tür im Seitenschiff verschwand, und als die Pforte sich hinter ihm schloss, erkannte der kniende Sünder, dass es nie wieder ein Zurück geben konnte in ein normales Leben, dass seine Sünden zu groß waren. Er konnte die eigenen Tränen nicht länger zurückhalten, und in der Einsamkeit des Gebets schloss Bert de Vries mit seinem Leben ab. Er hatte nichts mehr zu gewinnen.
* * * * *
Dolf Maarten sah die einsame Gestalt durch die Berge wandern. Der Konzernsoldat hob den hochempfindlichen Thermo-Scanner und ließ ihn kreisen. Er musste vorsichtig sein; schließlich wer er der letzte Wächter vor dem Eingang zur letzten Zuflucht der SharkÜberlebenden. Aber niemand schien dem einsamen Mann zu folgen. Es gab auch nicht die seltsamen Schwankungen im Bild des Scanners, die gemeinhin die Anwesenheit von Thermo-Tarn-Anzügen anzeigte. Er justierte die Einstellung seines Scanners. Nein, es gingen auch keine Funksignale von der einsamen Gestalt aus. Dolf hob seine Waffe, justierte die optische Zieleinrichtung und spähte hindurch. Der Mann sah schrecklich aus, und hätte er nicht gewusst, wer es war, der auf ihn zu stolperte, er hätte Bert de Vries nicht erkannt. Die Augen rot vom Weinen, der Gang unsicher und schwankend, die Kleidung verdreckt und durchgeschwitzt, hätte wohl niemand den einst ehrenvollen und tapferen Kämpfer für die Sache von Shark in dieser Jammergestalt erkannt. Dolf hatte seinem Waffenbruder von vornherein davon abgeraten, diesen irrsinnigen Plan zu verfolgen, doch Bert hatte gemeint, er müsse seinen Frieden mit Gott machen. Irgendwann hatte Dolf es aufgegeben und ihn ziehen lassen. Bert war ein erfahrener Kämpfer; auch mit seinen Schuldgefühlen würde er der Sache keinen Schaden zufügen und eher sterben, als die geheime Siedlung in den Bergen zu verraten. Und wie klar zu sehen war, kehrte er wirklich allein zurück. Der Narr hatte also wenigstens keine Kreuzritter hinter sich her geschleift. Er stand auf und winkte Bert zu. Dieser sah ihn, winkte jedoch nicht zurück, während er näher kam. „Und? Wie war’s?“ fragte Dolf, als der andere ihn erreichte. Bert blickte zu Boden. „Gott wird mir nie verzeihen, glaube ich.“ Sein Gegenüber machte eine wegwerfende Handbewegung. „Gott dürfte eh sauer sein, wenn wir seine Schergen umnieten, also, was soll’s?“ Normalerweise hätte eine solche Bemerkung sofort eine wilde Diskussion ausgelöst, doch Bert war offensichtlich nicht einmal dazu noch in der Lage. Er ließ die Schultern weiter hängen und ging an Dolf vorbei in Richtung der Siedlung. Der Wachsoldat blickte ihm gedankenverloren nach. Es sah nicht aus, als könnte man im Moment vernünftig mit Bert reden. Vielleicht, wenn er sich etwas frisch gemacht hatte, wenn er eine Nacht geschlafen hatte. Plötzlich kniff Dolf die Augen zusammen. „Bert, warte mal!“ Er rannte hinter seinem Kameraden her, zog die Falten von dessen Mantel glatt und warf einen Blick auf seine Schulter. Dann durchzuckte ihn die Erkenntnis wie ein Blitz.
„Ein Hotspot! Jemand hat dir einen Hotspot auf die Schulter platziert!“ Er riss den kleinen runden Fetzen vom Mantel ab. Er hatte schon davon gehört, ein kleiner Punkt aus reaktionsisoliertem Laesum, der jedoch solche Strahlungsmengen abgab, dass er über viele Kilometer anzupeilen war, und das ohne Wärme oder Funkwellen abzugeben. Einen Moment lang dachte er an seinen Scanner, daran, dass er auch nach Strahlung hätte suchen sollen, doch was hätte das noch gebracht? So nah an der Siedlung, dass man darauf spucken konnte. Und wenn man Berts Weg mit einem starken Ortungsgerät verfolgt hatte, wusste man auch schon, dass hier mehr war als wilde Berglandschaft. Gegen eine Punktortung war die Tarnung der Siedlung zu schwach. Sie waren entdeckt! Bert wurde von einer Sekunde zur anderen aschfahl. „Der Priester. Er hat mich berührt, als ich gebetet habe…“ Dolf hätte seinem Gegenüber am liebsten den Kolben ins Gesicht geschlagen, doch was brachte das noch? Er musste die Siedlung warnen, sie mussten evakuieren, so schnell wie möglich. Doch er war kaum losgerannt, als über ihm das schrille Pfeifen einer Rakete ertönte. Er sah hinauf, und die Waffe schoss heran, auf einem gleißenden Feuerstrahl reitend, gefolgt von weiteren Flugkörpern, alle mit einem und nur einem Ziel. Der orange-rote Feuerball, der vor ihm hochstieg, zeigte ihm, dass das Sterben begonnen hatte. Er war Bert noch einen letzten Blick zu, irgendwo zwischen Wut und Resignation, dann rannte er los, die Waffe bereit. Es würde der letzte Kampf sein, doch wenn die Truppen kamen, um ihnen den Rest zu geben, um die zu töten, die die Lenkraketen überstanden hatten, wollte er bereit sein, wollte so viele wie möglich von ihnen mitnehmen. „Für Shark!“ dröhnte sein Schrei durch die Berge.
* * * * *
Bert taumelte durch die Straßen der Stadt. Es war ihm egal, dass die Menschen ihn verwundert
anblickten, es war ihm auch egal, in welche Gefahr er sich begab, wenn er mit den offensichtlichen Spuren eines überstandenen Gefechts an Kleidung und Körper durch die Straßen ging. Er hatte nur noch ein Ziel, die Kirche der Stadt, und den Priester, der ihn so verraten hatte. Die Waffe, die er unter seinem Mantel verborgen hielt, hatte noch genug Energie für einige wenige Schüsse, und er würde sie nutzbringend einsetzen. Der Kampf war verloren, der Krieg vorbei. Das geheime Lager in den Bergen war zerstört. Die wenigen Überlebenden, die nicht von den anrückenden Tempelrittern getötet worden waren, hatten sich in alle Winde zerstreut. Die meisten hatten jedoch ihrem Eid als Shark-Soldaten Folge geleistet, getreu bis in den Tod. Aber keiner von ihnen hätte sterben müssen. Sie alle könnten noch leben, wäre er nicht in der Kirche gewesen, hätte er nicht den Worten eines verräterischen Pfaffen geglaubt. Es machte ihm nichts mehr aus, eine weitere Sünde auf sich zu laden, und ein Teil von ihm war sich sogar sicher, dass dieser Tod keine wirkliche Sünde sein konnte. Gott konnte einen solchen Diener nicht wollen, einen Diener, der eins der heiligen Sakramente mit Füßen trat. Die Tür zum Gotteshaus war nur angelehnt, fast so, als wolle man ihm den Weg zu seinem Schicksal leichter machen. Bert trat hindurch und sah sich um. Wo konnte der Priester nur sein? Da fiel sein Blick auf den Beichtstuhl, auf das grüne Licht an seiner Seite. Bruder Servatius hatte sich offenbar dorthin zurückgezogen, vielleicht in innerer Zwiesprache über seine eigenen Sünden. Nun, er würde sie bald mit einer höheren Instanz besprechen können…
Bert zog die Waffe aus dem Mantel und begab sich zum Beichtstuhl hinüber. Als er erneut die Hand auf das Sensorfeld legte, sah er die schmierigen Blutspuren, die er darauf hinterließ. Das Blut seiner Kameraden, das Blut von Kreuzrittern. In seiner Vorstellung war es vielleicht sogar immer noch das Blut der Frauen und Kinder, die von der Bombe zerfetzt worden waren, die er gelegt hatte. „Vater, vergib mir, denn ich habe gesündigt!“ Nie hatten die rituellen Worte, die die Tür öffneten, hohler in seinen Ohren geklungen. Bert trat in die Finsternis, und die Tür schloss sich wieder. Das rote Licht leuchtete kalt und teilnahmslos. Als sich die Klappe vor ihm öffnete, hob der junge Mann die Waffe. „Wie lange liegt deine letzte…“ „Halts Maul! Halt dein gottverfluchtes Maul, du Stück Dreck!“
Berts Stimme zitterte vor Hass, aber auch vor Tränen, die er kaum noch unterdrücken konnte. Er schluchzte unkontrolliert und schniefte einmal lautstark, bevor er sich wieder in der Gewalt hatte. „Ich wusste, dass du zurückkommen würdest, mein Sohn.“ Die ruhige Stimme des Priesters ließ Berts Hass wieder hoch kochen, und er hätte am liebsten sofort abgedrückt. Doch eine Frage zerriss sein Innerstes, und er musste sie stellen, bevor er schoss. „Warum? Warum haben Sie mich verraten? Warum haben Sie das Beichtgeheimnis gebrochen?“ Die Stimme des Priesters blieb weiterhin ruhig, fast schon teilnahmslos. „Das habe ich nicht. Niemand hat erfahren oder wird jemals erfahren, was du mir und dem Herren anvertraut hast!“ Servatius beugte sich vor, und zum ersten Mal sah Bert wirklich die grausame Kultur, die hinter den kalten und gefühllosen Augen des Priesters lauerte. Er spürte das eisige Kriechen der Angst auf seinem Rücken. Und er wusste, er hatte niemals eine Chance auf Vergebung gehabt. Dann sprach der Priester weiter.
„Aber du und deinesgleichen, ihr seid eine Gefahr für meine Gemeinde. Ich musste dafür sorgen, dass die Truppen Gottes dich finden, und mit dir auch die anderen Feinde des Herrn! Jetzt, wo die Reinigung vollzogen ist, kann unsere Welt endlich Frieden finden.“ Bert war über die Worte so entsetzt, dass er die Hand mit der Waffe sinken ließ. Der Mann, der ihm in seiner Kindheit die Grundsätze von Glauben und Moral erklärt hatte, der ihm immer wie ein väterlicher Freund erschienen war, der so vertraut und liebevoll mit seiner Gemeinde umging, dieser Mann hatte ihn benutzt, gnadenlos und offenbar ohne irgendwelche Schuldgefühle. „Und nun, mach auch du deinen Frieden mit dem Herrn über die Sterne, denn du wirst deinem Schöpfer bald gegenüber treten, um für deine Sünden gerichtet zu werden.“ Bert reagierte einen Moment zu spät. Die Klappe vor ihm flog zu, und in dem dumpfen Knall hörte er noch etwas anderes, nämlich das Geräusch einer luftdichten Versiegelung. Er schoss, doch die scheinbar aus Holz bestehende Wand vor ihm war in Wirklichkeit gepanzertes Metall. Der Schuss aus seiner Waffe prallte ab und zerfetzte den Oberschenkel seines rechten Beins. Er schrie gequält auf und fiel in sich zusammen. Er saß in der Falle. Gepanzerte Wände, die Kabine schallisoliert. Niemand würde ihn hören, niemand würde ihm zu Hilfe kommen. Als er das leise Zischen hörte, wusste er, was geschehen würde. Er hatte schon häufig davon gehört, dass die Beichtstühle der Allkatholischen Kirche angeblich mit Schutzmechanismen versehen waren, welche die Priester vor wenig reuigen Sündern schützen sollten, doch er hatte diese Gerüchte als wirre Hirngespinste von Ketzern und anderen Kirchenfeinden abgetan. Nun erkannte er, wie naiv und dumm er gewesen war, wie sehr die Kirchenfeinde recht gehabt hatten. Sein Leichnam würde von einer Automatik einfach in einen Kellerraum geworfen werden, das Gas würde abgesaugt werden, und der Beichtstuhl war bereit für das nächste kleingläubige Schäfchen, das Vergebung seiner billigen Sünden erhoffte. Seine letzte Hoffnung, bevor ihm das Bewusstsein schwand, war, dass diese Kirche nicht für den Gott stand, an den er tief in seinem Innern immer noch glaubte. Dann umfing ihn die Finsternis, um ihn nie wieder freizulassen.
Wenig später sprang das Licht an der Außenseite des Beichtstuhls auf Grün um, doch niemand verließ die kleine Kammer.
