Space Gothic

von Gerhard „Großkomtur“ Winkler

Großadmiral Roald Witherhurst, Duke of Gloucester, starrte missmutig auf die Zigarrenkiste, die sein Adjutant, Raumoberleutnant Aska Lindström, als letzten persönlichen Gegenstand in den Umzugskarton packte. Das Büro – sein Büro – angestammter Sitz des Kommandanten der terranischen Raumstreit-kräfte, war leer bis auf den mächtigen Schreibtisch aus Steineichenholz, den dazugehörigen Sessel mit dem geschmeidigen Bezug aus dunklem Bliesleder und das Bild von Präsident Rajesh Cuttaree an der Wand. „Für Roald, virtus fidesque bonorum corona“, war in der typisch energischen Handschrift des Präsidenten auf das Foto geschrieben. Witherhurst salutierte kurz, murmelte: „Verräter“, nahm seinen Admiralshut ab, wischte sich über die grauen, aber immer noch vollen Haare, die militärisch kurz geschoren waren und ging neben dem ächzenden Lindström in Richtung Paradehangar.

Ein letztes Mal schritt er durch die Gänge von Fort David, dem Stützpunkt des Flottenkommandos im System Beta Hydri. Zwanzig Jahre hatte er hier seinen Dienst getan, nachdem er zuvor ebenso lange stolze Kampfschiffe der Terranischen Raummarine kommandiert hatte. Zwanzig Jahre, in denen er und seine Soldaten ihr Bestes gegeben hatten, um die Kolonien vor Piraten, Plünderern und sich selbst zu schützen. Und dann der Krieg der drei Systeme. Eine Katastrophe. Ein Fehler. Aber ein entschuldbarer. Er hatte Calico Jack und dessen Piratenarmada am Haken gehabt. Die Konflikte der zerstrittenen Kolonien waren scheinbar durch Vermittlung der Marine beigelegt. Und so hatte Großadmiral Witherhurst den Befehl erteilt, in einem massiven Angriff, bei dem er 90% der Flotte eingesetzt hatte, seinen Erzfeind endgültig vom Angesicht der Galaxis zu fegen. Sie hatten die Flotte des Piraten kurz vor dem Beta Pictoris-System gestellt und in die Enge getrieben, als die Nachricht eintraf: Drei Kolonien ausgelöscht. Time Square durch Atombomben, Neu Kenia durch einen grausigen Killervirus und Ganges durch Nanoroboter, die – auf Vermehrung und Vernichtung programmiert – zu Millionen in der Atmosphäre des einstmals blühenden Planeten abgesetzt worden waren. Drei Kolonien. Vier Millionen Tote.

Die Presse hatte ihn zerrissen. Hatte ihn als einen inkompetenten, pflichtvergessenen Versager und die Flotte als überflüssige Verschwendung von Steuergeldern bezeichnet. Kurzfristig hatte er seinen Rücktritt, ja sogar den Freitod in Betracht gezogen, aber der Präsident hatte sich vor ihn gestellt. Scheinbar.

In Wirklichkeit waren die Verhandlungen mit PTI hinter den Kulissen bereits so gut wie abgeschlossen. Schon vor dem Krieg der drei Systeme hatten der Megakonzern und sein schärfster Konkurrent, Shark Investments, Angebote für die entgeltliche Übernahme des Polizei- und Sicherheitsdienstes für die TSU abgegeben. Prometheus hatte das Rennen gemacht, Oranien zog sich beleidigt zurück. Es war perfektes Timing gewesen. Die letzten Zweifler im Kabinett waren durch das Debakel überzeugt worden. Das Schicksal hatte es auf makabere Art und Weise gut mit PTI gemeint. Oder hatte die Konzernspitze gar nachgeholfen? Witherhurst verbannte den Gedanken aus seinem Kopf. Der Megakonzern mochte skrupel- und stillos sein, aber die Vernichtung von vier Millionen Menschenleben war ganz sicher nicht die Art der Promethianer, Geschäfte zu machen.

Schließlich hatte die Regierung ihren Entschluss verkündet. Es wurde eine imaginäre Grenze von 30 Lichtjahren um Terra gezogen. PTI erhielt Polizeigewalt für Terra und die Innenkolonien, die Raummarine hatte für Sicherheit in den Außenkolonien zu sorgen. Das kam einer Verbannung gleich. Und künftig würden Werkschutzpolizisten für die Raumsicherheit sorgen. Konzernbullen! Womöglich würden die mit Blaulicht an ihren Raumern fliegen. Witherhurst lachte humorlos auf.

Mittlerweile hatte Lindström ein Faktotum gefunden und sich seiner Last entledigt. Mit eiligen Schritten schloss er zu seinem Kommandanten auf, der in den Korridor zum Paradehangar einbog. „Ist das Objekt identifiziert?“, fragte der Großadmiral. „Positiv, Herr Kommandant. Raumschiff, PTI-IFF. Knapp 1,5 Millionen Kubikmeter. Mächtiger Frachter oder Kolonisator, wenn Sie mich fragen.“ Witherhurst stöhnte auf. Was glaubten die blöden Bullen, wie groß die Station war? Hatten die vor, hier eine zweite Kolonie zu errichten? „Kam schon ein Funkspruch rein, Lindström?“ Der Adjutant gab die Frage an die Signalabteilung weiter und lauschte auf die Antwort. Dann wandte er sich wieder an den Großadmiral. „Positiv, Herr Kommandant. Die SSF Josef Ackermann unter dem Kommando von Admiral Baba Arudsch, Kennung RFT 153-01, erbittet Erlaubnis, das Beta Hydri-System anfliegen zu dürfen.“ „Josef Ackermann? Wer zum Henker soll das sein? Habe noch nie von einem Kriegshelden dieses Namens gehört.“ „Haben wir gleich, Herr Kommandant.“ Lindström hob seinen Palmtop. „Computer, recherchiere Ackermann, Josef. Beschränke Recherche auf terranische Militärgeschichte.“ „Negativ“, kam die traditionell blecherne Antwort. „Erweitere auf terranische Politik.“ „Ackermann, Josef, geboren 17. Februar 1948 in Mels, Terra, gestorben 18. März 2046 in Tau City, Tau Ceti. Mitbegründer und erster Vorstandsvorsitzender von Prometheus Technical...“ „Abbrechen“, bellte Witherhurst verstimmt. „Erteilen Sie die Erlaubnis. Wann treffen die Bullen hier ein?“ „In etwa sechs Stunden, Herr Kommandant.“ „Gut, dann haben wir ja noch Zeit zum Aufräumen. Was genau steht im Übergabevertrag?“ „Besenrein, Herr Kommandant.“ „Gut“, schmunzelte der Großadmiral. „Dann besorgen Sie sich einen. Ich gehe derweil das Paradedeck inspizieren.“ „Verzeihen Sie, Herr Kommandant, ich besorge mir einen... was?“ „Besen, sie Sohn eines Blies“, bellte Witherhurst. „Weggetreten!“ „Aye aye, Herr Kommandant!“

Sechs Stunden später standen die beiden im Paradehangar vor den in Paradeuniformen angetretenen Soldaten. Stolz ließ der Großadmiral den Blick über die 2.500 Marines gleiten. Sie trugen traditionelle blaue Uniformen, die Soldaten mit silbernen Knöpfen auf den Schulterklappen, die Unteroffiziere zusätzlich mit elegant verschnörkelten Rangabzeichen auf den Ärmeln und die Offiziere mit goldverbrämten Schulterklappen sowie Medaillen und Rangabzeichen auf stolz geschwellter Brust. Die einfachen Matrosen trugen Mützen, die Unteroffiziere Kappen und die Offiziere ausladende Hüte nach dem Vorbild der antiken Royal Navy, aus der die Raummarine hervorgegangen war. Jeder Soldat präsentierte seinen Energiekarabiner, die Unteroffiziere und Offiziere ihre Säbel. Ein prächtiger Anblick. Er wandte seinen Blick auf den großen Panoramamonitor, der fast die Hälfte der Hangarwand einnahm, und erblasste. Der riesige, hässliche Klotz in Rot-Schwarz, der die Station fast erreicht hatte, bremste auf null. Im gleichen Moment begann er, Kriegsschiffe förmlich auszuspeien. Eins, zwei, drei, vier – fünf Raumzerstörer der neuen Flawless-Klasse und zwei Kreuzer der Sword-Klasse. Das war kein Frachter. Es war eine verdammte mobile Flottenbasis. Lindström klappte der Unterkiefer herunter. „Mund zu, Lindström“, knurrte der Großadmiral. „Nicht, dass Ihnen noch ein Zerstörer hineinfliegt. Es schwirren ja plötzlich so viele davon hier herum.“

Die große Innenschleuse glitt geräuschlos auf und offenbarte den Neuankömmling. Ein rot und schwarz angestrichenes Landungsboot mit dem allseits bekannten PTI-Logo flog in den Hangar ein. Ein um den Rumpf laufendes Blaulichtband blinkte im Morsecode ein fröhliches „Guten Morgen“. Witherhurst verdrehte die Augen und stöhnte auf. „Fleet Admiral Larkin von der SEK-Sentryfleet bittet um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen“, knarrte es aus dem Lautsprecher der Stationskommunikation, während das Landungsboot sanft im Zentrum des Hangars aufsetzte. „Erlaubnis erteilt“, bellte Witherhurst, und gab Lindström das Zeichen. Der Oberleutnant drehte sich zu den Soldaten und brüllte: „Aaaachtung!“ Wie ein Mann nahm die Besatzung von Fort David Haltung an.

Fleet Admiral Larkin, genauer gesagt: Dr. rer. mil. oec. Harkan Tiberius Larkin, ging, gefolgt von XQ39-8, seinem persönlichen Service-Robot, mit forschen Schritten die Landeplattform hinab und passierte das Spalier seiner Elite-SEK, die vor ihm in militärischer Ordnung ausgeentert waren. Sie trugen wie er schmucklose rot-schwarze Overalls mit dem PTI-Logo auf dem Arm. Der einzige Unterschied war, dass an seinem Kragen vier Diamanten seinen Dienstgrad anzeigten und sein Abzeichen statt in Silber in Gold gewirkt war. Vor der Fähre hielt er kurz inne und sah sich um. Der Hangar – viel zu groß. Was für eine Verschwendung von Stauraum. „Den Architekten mit dem Umbau beauftragen“, murmelte er in seinen auf Aufnahme gestellten PIN und sah sich weiter um. Vor ihm standen gut zweieinhalbtausend Soldaten in albernen Kostümen (bestimmt nicht billig), teilweise mir archaischen Hieb- und Stichwaffen ausgerüstet. Was für eine Verschwendung von Arbeitskraft. Nach seiner überschlägigen Berechnung müsste sich ein Flottenstützpunkt vom Kaliber Fort Davids mit deutlich weniger Personal betreiben lassen. Er kalkulierte knapp eintausend. Kein Wunder, dass die Marine chronisch pleite war. Larkin setzte sein bestes PR-Lächeln auf, blickte kurz zu den anwesenden Kamerateams und schritt auf den Mann mit dem größten Hut zu, den er bereits als den unglückseligsten Idioten in der Geschichte der bemannten Raumfahrt identifiziert hatte. "Captain Ahab" war noch einer der milderen Spottnamen gewesen, die die stets kreative Presse für ihn gefunden hatte. Die HOLO hatte ihn mit der ihr eigenen Feinfühligkeit "Admiral Genocide" genannt.

Die beiden Männer salutierten voreinander. Einen Moment war es still im Hangar, so still, dass man eine Laus hätte furzen hören können. Witherhurst war groß, überragte Larkin um einen halben Kopf. Der Eindruck wurde durch seinen reichverzierten Hut noch verstärkt, während Larkin nur eine polierte Glatze zur Schau stellte. Schließlich streckte der ranghöchste Flottenoffizier von PTI seinem Gegenpart von der Raummarine die Rechte entgegen und brach das Schweigen. „Großadmiral, ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen.“ Witherhurst zögerte kurz, seine Augenbrauen zuckten unwillkürlich nach oben, während Lindström fasziniert XQ39-8 musterte. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle und schlug kräftig ein. „Willkommen auf Fort David, Fleet Admiral. Die Station gehört Ihnen.“ Er griff an die Hüfte und löste sein Säbelgehänge, um es dem verblüfft schauenden Larkin entgegenzustrecken. „Mein Willkommensgruß an Sie. Der Säbel eines Stationskommandanten der Marine. Gefertigt aus 180 Lagen Plastonid-T-Stahl. Eine unvergleichliche Nahkampfwaffe.“ Larkin strahlte, nahm den Säbel entgegen und reichte ihn an seinen Roboter weiter. „Pass gut darauf auf, XQ. Er soll einen Ehrenplatz an der Wand hinter meinem Schreibtisch erhalten.“ Witherhursts Gesichtszüge entgleisten, während sich Larkin umdrehte und etwas aus einem Fach im Rumpf seines Begleiter zog. „Ich habe auch etwas für Sie. Eine antike PTI-Gründungsaktie aus dem Jahr 2005, auf einen Nennbetrag von 50 EUR. Das mag wenig erscheinen, aber das ist ein Dokument von unschätzbarem historischem Wert. Und auch von beträchtlichem materiellen, wie ich Ihnen versichern darf. Und hier eine Kiste mit original peruanischen Zigarren. Man sagte mir, sie hätten eine Schwäche dafür.“ Der Großadmiral hustete und nahm mit dankbarem Nicken das verschnörkelte Dokument und die kleine Holzkiste entgegen.

Das Marineorchester stimmte Ode an die Freude, die Hymne der Terranischen Staatenunion, an. Die Soldaten sangen bewegt mit, viele von ihnen zu Tränen gerührt. Die Flagge der Terranischen Raummarine wurde eingeholt, gefaltet und Witherhurst übergeben. Dann traten die SEK an und hissten das Banner in Rot und Schwarz. Der Großadmiral und sein Adjutant salutierten knapp und schritten auf die Fähre zu, die sie zum Flaggschiff HMS Terra bringen sollte.

Dieser Moment am 12. Dezember 2155 war das Ende einer stolzen Ära. Das Ende der Terranischen Raummarine als geschlossener Einheit zur Verteidigung der Kolonien, auch wenn es noch fast ein Vierteljahrhundert dauern sollte, bis der Bruch offiziell würde. Böse Zungen bezeichnen diesen Moment als den Anfang vom Ende der Demokratie.